Test – Aviary Attorney

Ein Adventure mit Gerichtsprozessen und absurd-komischen Charakteren? Da denken sicherlich die meisten zunächst an Capcoms erfolgreiche […]

Ein Adventure mit Gerichtsprozessen und absurd-komischen Charakteren? Da denken sicherlich die meisten zunächst an Capcoms erfolgreiche Ace Attorney-Serie, die im nächsten Jahr bereits ihr sechstes Spiel erhält – Spin-offs nicht mit eingeschlossen. Doch was wäre, wenn der beliebte Hauptcharakter Phoenix Wright tatsächlich ein Phönix, oder vielmehr ein Falke, wäre? Darauf liefert nun Aviary Attorney von dem Entwicklerduo Sketchy Logic die Antwort und zollt dem großen Vorbild dabei natürlich nicht nur mit dem Namen Tribut. Bei uns könnt ihr erfahren, ob der Titel zum Höhenflug ansetzt oder untergeht wie eine bleierne Ente.

Es war einmal in Frankreich

Das Spiel beginnt am 3. Januar 1848 in Paris, als der gefiederte Anwalt Jayjay Falcon und sein Assistent Sparrowson von der Aviary Attorney-Kanzlei mit der Verteidigung der jungen Katze Dame Katerline beauftragt werden. Sie steht im Verdacht, einen Frosch, seines Zeichens Geschäftpartner von Katerlines Vater, kaltblütig ermordet zu haben und es liegt am Spielerm einen Freispruch zu erwirken. Was Jayjay Falcon zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt, ist, dass dieser und die drei weiteren Fälle dazu führen werden, dass er sehr bald schon das geltende Rechtssystem und sogar seine Lehrbuchsicht auf Gut und Böse hinterfragen wird. Das Setting des Spiels wurde wohlweislich in eine der turbulentesten Zeiten der französichen Geschichte gelegt. Vor 18 Jahren endete die Julirevolution und in den Straßen gehen bereits Gerüchte umher, dass ein weiterer blutiger Aufstand bevorsteht, um den König Louis-Philippe I. (seines Zeichen ein Königspinguin) zu stürzen, nachdem bereits sieben Attentatsversuche ins Leere liefen.

Selbstironisch: Wer nicht gerne liest, wird an Aviary Attorney kaum Freude finden.

Vom Gameplay her spielt sich der Titel wie eine klassische Visual Novel. Das heißt, man klickt sich von Dialog zu Dialog, wobei das Spiel häufig von interaktiven Passagen aufgelockert wird. Der Ablauf des Spiels orientiert sich weitestgehend an der bewährten Struktur eines Ace Attorney-Titels. Das bedeutet, dass es aufgeteilt ist in einen Ermittlungsmodus, in dem man zusätzliche Beweise und Zeugenaussagen sammelt, und in die Gerichtsverhandlungen, bei denen man letztlich alles daran setzt, widersprüchliche Aussagen zu finden, Alibis zu sichern und einen Freispruch zu erwirken. Einige Innovationen von Sketchy Logic fallen einem Ace Attorney-Veteranen jedoch direkt ins Auge, denn so gibt es in Dialogen immer wieder mehrere Antwortmöglichkeiten, die teilweise weitreichende Konsequenzen haben können. Außerdem gibt es die Gelegenheit, mit erfolgreich gelösten Fällen oder Glücksspiel Geld zu verdienen, mit dem man sich von anderen Charakteren kleine Gefälligkeiten erkaufen kann.

Ruhe im Gerichtssaal – Im Prozess brauchen wir eine gute Taktik und stichfeste Beweise.

Besonders hervorzuheben ist der Aspekt des Zeitmanagements, das einem nur eine bestimmte Zahl an Aktionen bis zur Eröffnung des Verfahrens erlaubt. So lassen sich die einzelnen Orte in Paris in beliebiger Reihenfolge aufsuchen, es kann jedoch vorkommen, dass man einen kompletten Tag verliert, weil der wichtige Zeuge gerade nicht zu Hause ist oder man noch einen wichtigen Gegenstand von anderswo benötigt. Das mag zunächst frustrierend klingen, endet aber in den seltensten Fällen in einem Game Over. Die Geschichte läuft weiter und der Spieler muss damit leben, dass er falsche oder moralisch fragwürdige Entscheidung getroffen hat. Im Laufe des Spiels verlässt Aviary Attorney vollkommen die Komfortzone der Linearität und teilt sich im letzten Kapitel in drei sehr unterschiedliche Enden auf. Über das Hauptmenü kann man bequem zu jedem bisher gespielten Tag zurückkehren und neue Wege ausprobieren, doch im Gegensatz zu den meisten Visual Novels gibt es aktuell kein Quicksave, sodass man das Spiel nicht jederzeit pausieren kann, oder eine Skip-Funktion, die bereits gelesene Dialogzeilen überspringt. Es wäre wünschenswert, dass dies in Zukunft noch implementiert wird.

Qual der Wahl – Dem Spieler stehen viele Orte offen, aber er entscheidet selbst welche er besucht.

Zeitgeist zum Hören und Sehen

Was bei Aviary Attorney natürlich sofort ins Auge fällt, ist die Verwendung von Sepia-Kupferstichen für die Charaktere und Hintergründe. Dies verleiht dem Spiel einen sehr eigenen Look, der perfekt zu dem Setting passt. Die anthropomorphen Figuren selbst haben sich Sketchy Logic übrigens nicht selbst ausgedacht, sie stammen aus der Feder (pun intended) des französischen Karikaturisten J. J. Grandville, der zur Zeit der Julirevolution und Louis-Phillipe I. lebte. Ergänzt wurden seine Werke lediglich mit kleinen Animationen wie beispielsweise Mundbewegungen, damit sie lebendiger wirken. Zeitgenössische Kunst findet sich auch im hochwertigen Soundtrack wieder, der zahlreiche klassische Werke enthält, wie beispielsweise vom romantischen Komponisten Camille Saint-Saëns. Eine Sprachausgabe bietet das Spiel im Übrigen nicht, stattdessen bestehen die „Stimmen“ der einzelnen Akteure durch ein rhythmischen Beepen in unterschiedlichen Tonhöhen, wie man es aus zahlreichen anderen Visual Novels kennt.

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Die Dialoge, der Kernpunkt einer jeden Visual Novel, sind meiner Meinung nach absolut gelungen und bieten eine Mischung aus Humor und ernsten Themen. Natürlich gibt es die offensichtlichen Wortspiele mit Tiernamen und auch mit der französischen Sprache, aber auch die Moderne hat Einfluss genommen. So werden zum Beispiel Informationen zu allen Charakteren, die man kennenlernt, in einem Face Book gesammelt und auch ein paar Andeutungen zu Ace Attorney dürfen nicht fehlen. Die Handlung selbst bleibt durchweg wendungsreich und interessant, wobei besonders die beiden Protagonisten Jayjay Falcon und der taktlose und gefräßige Helfer Sparrowson in ihrem Zusammenspiel brillieren. Auf den Charakter von Jayjay Falcon hat der Spieler sehr häufig direkten Einfluss und so kann er als Gutmensch bzw. Gutvogel bis hin zu einem verschlagenen Schuft auftreten.

Humorvoll – Einige Gags referenzieren direkt die Ace Attorney-Spiele.

Fazit

Im Vergleich zur Ace Attorney-Reihe von Capcom braucht sich Aviary Attorney kaum verstecken – insbesondere wenn man bedenkt, dass es das erste Spiel (!) eines zweiköpfigen Teams (!!) ist. Innovationen beim Gameplay bringen neuen Wind in den Gerichtssaal und die Ermittlungen. Sowohl die tolle Präsentation als auch die gut geschriebenen Dialoge und spannenden Fälle, sorgen dafür, dass mir Jayjay Falcon noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Die Tatsache, dass das Spiel häufig nicht linear und sogar beim Scheitern einer Aufgabe den Spieler nicht mit einem Game Over bestraft, sondern stattdessen neue Handlungsstränge eröffnet, ist umsichtig und wirklich clever. Und clever sollte ein Anwalt ja nun einmal sein, besonders wenn eine Revolution vor der Tür steht.

Aviary Attorney ist für Windows und Mac OS X zu einem Preis von 14,99 Euro, bzw. 19,99 Euro mit dem vollständigen Soundtrack, bei Steam erhältlich. Momentan lässt sich der Titel nur auf Englisch spielen, aber eine deutsche Lokalisierung ist ebenso wie ein kostenloses Bonuskapitel bereits geplant.

Kommentare
Jan Voß 5. Januar 2016 um 11:12 Uhr

Klingt abgefahren. Kommt auf jeden Fall auf meine Merkliste.

Sebastian Kunz 27. Dezember 2015 um 9:07 Uhr

Klingt sehr interessant und nach einem etwas anderen Spielkonzept. Schade, dass es nicht auf der PS4 verfügbar ist.