Test – Forgotton Anne

Ein malerisches und wunderschönes Abenteuer mit einer starken, sich konstant entwickelnden Protagonistin haben die dänischen Entwickler von ThroughLine Games nun der Spielewelt präsentiert. Ob es sich für jedermann lohnt, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Trauen wir diesem sprechenden Schal oder sollten wir ihn eliminieren? Das Misstrauen erwächst nicht etwa aufgrund seiner Fähigkeit zu sprechen. Nein, das ist in der sogenannten Gefilde, der Spielwelt von Forgotton Anne, ganz normal. Es könnte sich bei jenem Schal um einen Rebellen handeln, welcher eine Gefahr darstellen würde. Mit eben dieser Entscheidung wird der Spieler direkt zu Beginn des Spiels konfrontiert. Jeden Tag verlieren Menschen irgendwelche Dinge. Sei es die verschwundene Socke, die im Bus liegengelassene Decke oder der im Hotelzimmer vergessene Roman. Auf die möglicherweise oft gestellte Frage, wo denn jene Gegenstände heute wohl seien, findet Forgotton Anne eine Antwort: Sie befinden sich in einer Parallelwelt, in der sie untereinander interagieren, ein eigenes zu Hause haben und sich abends zum Trinken verabreden. Namensgebende Protagonistin ist Anne, die Hüterin jener Welt, die für Recht und Ordnung sorgt. Ihr Meister namens Bonku möchte eine Brücke errichten, die zum Äther, unserer realen Welt führt, in welche all die verlorenen Gegenstände, die sogenannten Vergessenen, dann wieder zurück können. Lediglich einzelne Vergessene haben es sich zur Aufgabe gemacht, genau dies zu verhindern. Und so sieht sich Anne einem Abenteuer entgegen, dessen Sieg nur gelingen kann, indem sie mehr Willensstärke und Kraft beweist als jene Rebellen. Und hierfür sollte sie sich dann auch um den eingangs erwähnten, sprechenden Schal kümmern…

Forgotton Anne spielt in einer Welt, die nur aufgrund der wunderschön handgezeichneten Umgebung sehr ansprechend wirkt, für sich genommen jedoch bedrückend, teilweise auch düster und bedrohlich wirkt. Optisch ist das Spiel an die auch im Westen ausgestrahlten Animes der 90er, wodurch der ganz eigene Charme entsteht. Durch die beeindruckend gute Optik und der zeitgleich qualitativ hochwertigen musikalischen Untermalung wird eine uneingeschränkt starke Atmosphäre geschaffen, die jedoch zumindest bei uns nicht zum Gefühl von Immersion erstarken konnte, da der Gesamtstil und die Geschichte dies kaum zulässt. Nichtsdestotrotz ist die Atmosphäre des Spiels so fantastisch wie die dahinterstehende Geschichte mit all den interessanten Charakteren.

Das Gameplay besteht aus Jump’n’Run und verschiedenen Rätseln, deren Anspruch sowohl Geschicklichkeit als auch logisches Denken erfordert. Nach eigenen Aussagen des Entwicklers möchte stets die Story im Vordergrund stehen, welche nicht durch übermäßig fordernde Rätsel ihren Fluss verlieren soll. Dies können wir uneingeschränkt bestätigen. Die Rätsel sind auch für unerfahrene Detektive gut zu meistern, ohne je belanglos zu werden. So muss der Spieler des Öfteren Leitungen so verlegen, dass ein Energiefluss wiederhergestellt wird oder auch die Information auf einer im Spiel erhaltenen Eintrittskarte in ein System eingeben. Hierauf wird man jedoch bereits nach dem ersten Fehlversuch hingewiesen, sodass das Rätsel nur schwerlich ungelöst bleiben kann. Umgebungsrätsel stehen deutlich stärker im Fokus als solche Rätsel, die man aus Point and Click-Adventure kennt. Zahlreiche Sprungpassagen dürfen beim einem Side-Scroller natürlich nicht fehlen. Diese sind, beispielsweise auch in Form von Verfolgungsjagden, sehr gut implementiert und wirken an keiner Stelle unpassend oder undurchdacht.

Elementares Mittel für Anne ist ihr wertvoller Arca-Handschuh, welcher mithilfe von Anima Kräfte verleihen kann, die Anne mit Flügeln ausstatten und so höher, weiter und schneller springen lassen. Jenes Anima kann der Spieler aus entsprechenden Fässern ziehen, aber auch aus Gegnern, welche Anne auf Distanz destillieren, also vernichten kann. Letzteres ist jedoch eine Ausnahme und kann nur an vom Spiel vorgegebenen Stellen eingesetzt werden. Friedfertige und neutrale Vergessene lassen sich nicht destillieren. Das blaue Anima dient jedoch nicht nur der verbesserten Fortbewegung, sondern ist darüber hinaus auch stets wiederkehrender Bestandteil der Rätsel. Einige Schalter oder Verbindungen lassen sich nur durch Anima aktivieren und damit bewegen. Man kann sie als den Strom der Gefilde bezeichnen.

Die Vertonung des Spiels ist lediglich in Englisch, die Sprecher passen ihre Dialoge hervorragend an die Spielewelt an (soweit man sich Vorstellungen über die Stimme eines Kühlschrankes macht). Der Untertitel kann jedoch optional auf Deutsch gestellt werden. Rechtschreibfehler gibt es auch in den auffindbaren Items, beispielsweise in Form von Briefen, nur äußerst selten.

Zu kaufen ist Forgotton Anne für 19,99 € auf Steam, PlayStation 4 sowie für die Xbox One. Unsere Testversion war die Xbox-Variante, welche tadellos funktionierte.

Fazit

Mit Forgotton Anne hat Publisher Square Enix ein wirklich bemerkenswertes und überaus sehenswertes Videospiel geschaffen, das wieder einmal beweist, warum es sich lohnt, auch mit Spielen neben AAA-Titeln zu beschäftigen. Sicher, die Grundgeschichte über lebende und sprechende Alltagsgegenstände, die flüchten oder rebellieren wollen, vermag den ein oder anderen erwachsenen Spieler von Anfang an abhalten, tiefere Einblicke in die Welt von Forgotton Anne zu werfen. Wer aber künstlerischen Stil sowie in Optik als auch in Geschichtenerzählungen wertschätzt, bekommt neben wenig fordernden, aber trotzdem spaßigem Jump'n'Run-Gameplay eine liebevoll erzählte und noch schöner gemalte Geschichte geboten. Mit genannten Einschränkungen ist Forgotton Anne somit absolut zu empfehlen - insbesondere für den günstigen Preis.
Positiv
  • Liebevoll erzählte, kreative Geschichte
  • Tolle Grafik dank wunderschöner Zeichnungen
  • Entscheidungen sind Bestandteil des Spiels
  • Jump'n'Run-Gameplay
  • Interessante Charaktere
  • Tolle Atmosphäre
  • Sehr gute Vertonung der Sprecher
  • Interessante und abwechslungsreiche Rätsel
Negativ
  • Rätsel und Sprungeinlagen teilweise unterfordernd
  • Keine deutsche Synchronisation
  • Keine Gegner als Gameplay-Element
  • Gegner lassen sich nur an von der Story vorgegebenen Stellen destilieren
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