Zu allererst: Entschuldigung für die Verspätung des Tests, aber bei so einem megalomanischen Spiel will gut Ding Weile haben.

Nun, da ihr, vorausgesetzt ihr habt die letzten zwei Monate nicht in Tipis gelebt und Zugang zu einer Konsole gehabt, dürftet ihr selber mitbekommen haben, dass ihr hier ein kleines Meisterwerk habt, dass wirklich aufgrund der Freiheit in der Open World sowie des hohen Grad des Realismus gelobt wird. Beschränken wir uns also in dem wahrscheinlich eh viel zu langen Test auf die meines Erachtens schlechten Dinge, die Red Dead Redemption 2 ein wenig die Illusion rauben oder einfach nur den Spielfluss stören. Gleichzeitig gehe ich auf einer eigenen Seite auf Red Dead Online ein, dem eher stiefmütterlich behandelten Part von Red Dead Redemption 2.

Dutch hat hier alles gesagt.

Ich seh rot!

Die Welt, in der ihr einen Cowboy spielt, namentlich Arthur Morgan, ist lebendig wie kaum ein anderes Open World Spiel. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, aber auch werdet ihr häufig aus allen Ecken beschossen. Problematisch wird es durch die schwerfällige Steuerung von Arthur: Natürlich ist er ein Schrank von einem Kerl, er ist langsam, groß und… naja, das Gegenteil von wendig. Wenn ich einen Knopf drücke, dauert es teilweise wirklich lange, bis er sich bewegt. Anfänglich habe ich mir alleine deswegen des Öfteren eine Kugel eingefangen. Natürlich trägt das zum Realismus des Spiels bei, bremst aber auch in einigen Momenten einfach das Gameplay unglaublich aus. Das zieht mich einfach aus der Illusion, in einem echten Western zu sein, obwohl es wie zuvor gesagt eigentlich dem Realismus helfen soll. Legt man dazu, dass die Benutzeroberfläche manchmal leicht verwirrend ist und durch die Kontextsensitivität häufig auch gerne mal etwas Unerwartetes passiert, macht Red Dead Redemption 2 oft genug nicht was man von ihm als Spieler verlangt – wie oft habe ich den Poststellenmeister erschossen, obwohl ich eigentlich mein Kopfgeld bezahlen wollte? Über mein Pferd, mit dem ich oft genug gegen Bäume im Wald gerannt bin, weil die „Panzer-Steuerung“ mir keinen kleinen Schritt zur Seite gewährte, wollen wir gar nicht erst reden.

Dieser arme Kerl war das häufige Opfer unabsichtlicher Schussabgaben.

Wo wir doch gerade bei Kopfgeld waren: Das Kopfgeld bzw. Gesucht-System ist ultimativ undurchsichtig. Anfänglich. Dann habe ich herausgefunden, dass die Maske nur gegenüber Zeugen funktioniert. Nur Sheriffs können direkt identifizieren, wer ich bin. Seltsam – wofür trage ich dann die Ganzkopfmaske, die meinen Kopf, inklusive Bart, verdeckt? Es raubt unglaublich die Immersion, dass ich ein Kopfgeld erhalte, sobald mich ein Sheriff sieht. Ich kann nachvollziehen, dass so der allgemein recht seichte Schwierigkeitsgrad etwas erhalten bleiben soll. Trotzdem macht die Maske so einfach keinen Sinn! Oder ist der Wiedererkennungswert mit Maske genauso hoch wie der von Jason aus Freitag der 13.? Als würde das nicht reichen, ist es schon ein Verbrechen, jemanden mit dem Pferd „anzureiten“. Schnell von A nach B kommen innerhalb von bewohnten Gegenden wird so zum Spießrutenlauf.

Die toten Altlasten

Wie schon gesagt, ist der Realismusgrad und das Gameplay abgesehen von der schon erwähnten „Panzer-Steuerung“ super ausgelegt. Es läuft, schießt, grüßt und reitet sich nach einiger Eingewöhnung wirklich toll. Wenn man ein Tier erlegt hat, erhält man nicht nur ein Inventarobjekt, sondern hält wirklich ein physisches Objekt in den Händen, im Beispiel ein Fell oder eben der ganze Kadaver. Wenn man vom Pferd steigt, muss man tatsächlich die Waffen, die man braucht, herunternehmen, beim Aufsteigen legt er sie wieder am Sattel an, der nebenbei erwähnt auch als eine Art Truhe funktioniert, in dem alles gelagert wird (wirklich, wirklich starke Pferde in diesem Spiel). Aber das sind auch wieder Stellen, die das Gameplay ausbremsen. Anfänglich war ich noch von den tollen Animationen, z.B. das Häuten oder dem Anspannen des Revolverhahns, sehr angetan. Später wollte ich die längeren Animationen nur noch überspringen. Es nervt einfach, wirklich jedes Mal der kompletten Animation zuzusehen!

Tolles Panorama trifft auf nervig-authentische Steuerung.

Auch das Inventar System ist teilweise nicht ganz durchdacht. Wieso kann ich Fleisch, dass ich am Lagerfeuer gebraten habe, nicht im Schnellmenü anwählen? Dafür muss ich jedes Mal das komplette Inventar aufrufen, im Tab wechseln und das Fleisch anwählen, um in den Genuss meiner Selbsterzeugnisse zu kommen. Auch das zuvor bereits erwähnte System, Waffen am Pferd zu holstern bringt mich häufiger, als mir lieb ist in Situationen, in denen mir mein Gewehr fehlt. Das ist bestimmt häufiger im Wilden Westen passiert – aber Red Dead Redemption 2 ist immernoch ein Videospiel. Das Gleiche gilt übrigens für den Verkauf. Zu 10 verschiedenen Händlern zu laufen, um meine gesamte Beute zu verkaufen ist bestimmt realistisch, aber die Trennung zwischen Hehlerware und dem Rest hätte gereicht. Dieser letzte Absatz gilt auch für Red Dead Online, aber dazu mehr an anderer Stelle.

Die große Erlösung?

Die Geschichte ist in ihrer Gesamtheit wunderbar erzählt, vor allem durch die Charaktere. Seien es die Mitglieder der Van der Linde-Gang, die ein eigenes Leben haben und auch nachvollziehbare Aufträge oder auch Motivationen in ihren Taten haben, oder die zahlreichen Nebencharaktere, die alle ihren ganz eigenen Charme besitzen, wie der Kettenraucher, der die Zigarettenbildchen sammelt. Dennoch ist die Geschichte sehr depressiv in ihrem Unterton und vor allem in ihrer Dramaturgie. Man muss nicht Red Dead Redemption gespielt haben, um zu ahnen, wie die Geschichte sich entwickelt. 60 Stunden insgesamt, die für die Gang schlecht starten und sich immer weiter zum Schlechteren entwickeln – irgendwie frustrierend.

Im wilden Galopp geht’s dem bitteren Ende entgegen.

Das Spiel ist wundervoll anzusehen, gerade die Panoramen laden zum Verweilen ein. Der geheime Star des Spiels ist New Orleans, dass den Wechsel vom Wilden Westen zum industrialisierten Amerika darstellt. Auch politisch wird hier viel diskutiert, Feminismus, Rassismus, Armut…. dennoch soll das Spiel ein Western sein, wozu der raue Ton und die große Freiheit innerhalb der Open World Sequenzen beiträgt. Schade, dass Gleiches nicht auch für die Missionen gilt. Das Spiel straft mit dem Fehlschlag der Mission ab, wenn ich versuche, Wege zu kürzen oder Gegnern in die Flanke zu fallen. Schade! Hier wäre die Belohnung des Spielers besser gewesen, aber natürlich würde das auch der Erzählstruktur des Spiels schaden.

Einen kleinen Drink vor dem Lagerfeuer hat noch jeder vertragen.

Trotz all dem Gemecker in diesem Test, bleibt Red Dead Redemption 2 ein großartiges Spiel. Es liefert wundervolle Grafik, gepaart mit einer insgesamt dennoch tollen Geschichte, wundervollem Sound, der dynamisch je nach Situation wechselt. Die tollen Interaktionsmöglichkeiten mit den NPCs, die nachvollziehbaren Reaktionen selbiger auf euch, der Sandbox Anteil des Spiels (Auf Youtube gibt es Videos von den verrücktesten Aktionen!) und die Stimmung passen einfach perfekt. Anders kann man es nicht ausdrücken. Und auch all das oben angesprochene ändert nichts daran, dass es ein unglaublich tolles Spiel ist, mit dem ich ewiglich Spaß hatte. Anders ausgedrückt: Wenn ihr es noch nicht besitzt, ist das eine klare Kaufempfehlung!

 

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