Test – Trails of Cold Steel

Der Entwickler und Publisher Nihon Falcom ist im Westen vor allem bekannt für seine Action-RPGs […]

Der Entwickler und Publisher Nihon Falcom ist im Westen vor allem bekannt für seine Action-RPGs der Ys-Serie, doch auch die Legend of Heroes-Titel erfreuen sich in Nordamerika großer Beliebtheit. In Europa gehen JRPG-Fans jedoch nicht völlig leer aus, denn mit Trails of Cold Steel erscheint am 29. Januar hierzulande das dritte von aktuell sieben Spielen unter dem Trails-Label und mit ihm wird ein neuer Story-Arc gespannt. Ein paar Eckdaten für Lore-Interessierte: Im Zentrum der Rahmenhandlung stehen die innen- und außenpolitischen Konflikte des Kaiserreichs Erebonia, welches sich über weite Teile von West-Zemuria erstreckt: ebenjene Region, die auch das Königreich Liberl, den Stadtstaat Crossbell und die Republik Calvard beherbergt. Während die ersten beiden bereits Schauplatz von Trails in the Sky, beziehungsweise den im Westen nicht veröffentlichen Trails to Azure/ Zero, waren, wird Calvard den kommenden Story-Arc beschreiben. Im einzelnen erzählt Falcom für jede Region jedoch eine eigene, in sich geschlossene Geschichte, sodass man nicht befürchten muss, etwas verpasst zu haben. Wir haben die PlayStation Vita-Version des Mammut-Rollenspiels Trails of Cold Steel für euch getestet und sagen euch, ob sich die Reise nach Erebonia lohnt.

Willkommen in Class VII

Zu Beginn wird der Spieler direkt in das Geschehen hineingeworfen: Terroristen haben den Zugang zu einem hochgefährlichen Waffensystem in Erebonia erlangt und drohen, damit auf Zivilisten zu feuern. In dem Trubel finden sich auch zwei Gruppen, bestehend aus Schülern der Thors Military Academy, wieder, die versuchen das Schlimmste zu verhindern, als plötzlich ein Schuss fällt. Danach wechselt das Geschehen fünf Monate in die Vergangenheit, als der Protagonist Rean Schwarzer und acht Klassenkameraden ihre Einschulung auf der Militärschule im Herzen Erebonias feiern. Während die anderen Schüler nach ihrem sozialen Stand in die verschiedenen Klassen aufgeteilt werden, landen unsere neun Helden in einer besonderen Klasse, der Class VII, mit einem ungewöhnlichen Lehrplan. Ihre Reihen setzen sich sowohl aus Adeligen als auch dem gewöhnlichen Volk zusammen, was im Laufe der Geschichte zum ein oder anderen Konflikt führt. Was genau hinter Class VII, den Terroristen und Thors selbst steckt, wird erst nach und nach deutlich.

Keine Open World -Einzelne Orte in Erebonia sind mit Bahnstrecken verbunden.

Gleich an ihrem ersten Schultag werden Rean und seine MitschüIer zu Unterrichtszwecken in einen Kerker unterhalb der Schule geworfen, sozusagen als Aufwärmübung für das kommende Schuljahr. Der Schulalltag bleibt selbstverständlich spannender als Mathe- und Geschichtsunterricht und so stehen regelmäßig neben praktischen Prüfungen auf dem Schulgelände auch Class Trips in die umliegende Provinz oder in die größeren Städte des Kaiserreichs an. Was nach einem entstpannten Ausflug ins Schullandheim klingt, ist in der Praxis jedoch etwas ganz anderes. Mit dem Zug, quasi dem Markenzeichen Erebonias, geht es zu den unterschiedlichen Einsatzorten, an denen es unterschiedliche Aufgaben für die ansässige Bevölkerung zu bewältigen gilt. Doch selbstverständlich bekommt es Class VII auch mit der hässlichen Seite des Landes zu tun, denn hinter einer Fassade brodeln Konflikte der vier großen Adelshäuser, der Reformisten und der Kaiserfamilie. Es wurde, ganz Trails-typisch, nicht daran gespart, eine lebendige und schlüssige Welt zu erschaffen, die auf eine reichhaltige Geschichte zurückblicken kann. Das bedeutet natürlich auch, dass man neben der Haupthandlung noch einiges mehr entdecken kann.

Der erste Schultag – Die Schulzeit beginnt direkt mit einen Kampf gegen einen Gargoyle.

Kämpfe mit harten Bandage

Gekämpft wird, wie es sich für ein JRPG gehört, natürlich nicht zu knapp. Am Kampf nehmen maximal vier Mitglieder der Class VII teil,  die sich frei in einer Arena positionieren können. Häufig besteht außerdem noch die Möglichkeit, zwei Reservemitglieder mitzunehmen und beliebig ein- und auswechseln. Das Kampfsystem selbst ist wie bei den anderen Trails-Titeln rundenbasiert mit einer festen Zugreihenfolge, wobei verschiedene Aktionen unterschiedlich viel Zeit benötigen. Wenn ein Charakter an der Reihe ist, hat er die typische Auswahl an Aktionen: Einfaches Bewegen, den Einsatz von Magie oder Items sowie eine Kombination aus Bewegung und Angriff bzw. Crafts, wie man die Skills hier nennt. Der Einsatz von Crafts verbraucht CP (craft points), die man unter anderem mit erfolgreichen Angriffen oder durch das Einstecken von Schaden regeneriert. Zusätzlich gibt es noch besonders mächtige S-Crafts, die man auch im gegnerischen Zug einsetzen kann. Neben ihre schieren Stärke haben die S-Crafts auch noch den Vorteil, dass man dem Gegner so einen Zug stehlen kann und selber einen der zahlreichen Zugboni wie z.B. Regeneration oder kritischen Schaden erhält. Der Preis dafür ist jedoch die vollständige Entleerung der CP-Leiste. Am Kampfende erhält man Erfahrungspunkte in Abhängigkeit der jeweiligen Performance, das heißt besonders effektive Kämpfe sind nicht nur schneller vorbei, sie bringen auch Multiplikatoren auf die verdiente Erfahrung mit sich. Grinden muss man im Spielverlauf glücklicherweise nicht, denn die Kämpfe sind zwar durchaus knackig, aber nie unfair. Auf dem leichten bzw. normalen Schwierigkeitsgrad reicht es in der Regel aus, ein paar Gegner am Wegesrand zu besiegen, um beim nächsten Bosskampf siegreich zu sein. Sollte man dennoch kampfunfähig werden, so kann man den Kampf wiederholen – auf Wunsch auch mit reduzierter Gegnerstärke.

Kampfspektakel – Lange Animationen lassen sich auf Knopfdruck überspringen

Das Magiesystem erinnert ein wenig an die Substanzen aus Final Fantasy VII. Rund 50 Jahre vor der Handlung trat in ganz West-Zemuria die sogenannte Orbal Revolution ein, durch die es möglich wurde, aus dem Mineral Septium in Massenproduktion Bauteile für Maschinen, Radios oder Waffen herzustellen. Nicht ohne Grund erinnern daher viele Dinge bei Trails of Cold Steel an Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus Septium lassen sich jedoch auch Schaltkreise, sogenannte Quartze, herstellen, die die Eigenschaften eines der vier niederen oder drei höheren Elemente in sich tragen. Diese sind Erde, Feuer, Wasser und Wind sowie Zeit, Raum und Mirage, einer Art Illusionsmagie. Richtig eingesetzt kann sich der Besitzer so deren Eigenschaften zunutze machen, entweder als passiver Bonus oder als Offensiv- respektive Unterstützungszauber. Mit einer entsprechenden Menge an Septium, welches man mit Kämpfen verdient, kann man neue Quartze herstellen oder neue Sockel für diese freischalten. Im Gegensatz zu den Crafts, verbrauchen die Arts, wie die Zauber hier genannt werden, keine CP, sondern EP, deren Anzahl nicht vom Level, sondern von der Menge an geöffneten Sockeln abhängt. Die meisten Gegner haben eine oder mehrere Resistenzen beziehungsweise Schwächen gegenüber den niederen Elementen und höhere Elemente sind bis auf wenige Ausnahmen nie besonders effektiv oder schlecht.

Voll ausgerüstet – Im Spielverlauf findet man zahllose Quartze mit aktiven und passiven Fähigkeiten.

Inner- und außerschulische Aktivitäten

Als neues Gameplay-Element bietet Trails of Cold Steel die sogenannten Combat Links. Trifft man den Gegner mit einem Angriff, kann es sein, dass dieser kurzzeitig seine Verteidigung fallen lässt. In dem Fall kann man einen Kombinationsangriff mit seinem sogenannten Link Partner ausführen, ohne dass dieser am Zug sein muss. Die Effektivität der Combat Links steigert man durch wiederholte Kombination von zwei Charakteren und, im Falle von Rean, durch sogenannte Bonding Events, wie man sie aus Persona 3 oder 4 kennt. An bestimmten Stellen im Spiel kann Rean mit seinen Klassenkameraden Zeit verbringen und sie so besser kennen lernen. Zusätzlich zu den verbesserten Combat Links lernt man seine Mitschüler so natürlich auch besser kennen. In den Städten findet sich eine Vielzahl an Geschäften, Tavernen und Ähnliches, in denen man zum Beispiel seine Ausrüstung verbessern, Quartze erwerben oder sich heilen kann. Zusätzliche Zeitvertreibe sind Kartenspiele während der Zugfahrten und ein kleines Angelminispiel, bei dem man durch Button-Mashing den großen Fang macht.

Mächtige Freundschaft – Charaktere, die sich gut verstehen, kämpfen besser im Team.

Befindet man sich auf einem Class Trip, bekommt man eine Reihe von Aufgaben gestellt, von denen einige in jedem Fall erfüllt werden müssen, aber viele auch optional sind. Zusätzlich dazu sind viele Inhalte versteckt, wie zum Beispiel nichtmarkierte Quests, die einem nur zu bestimmten Zeiten zur Verfügung stehen. Auch enthält das Spiel eine Vielzahl an sammelbaren Items, wie zum Beispiel Bücher oder Rezepte, die häufig auch verpasst werden können. Was zunächst wie ein absoluter Albtraum für einen Completionist klingt, ist meiner Meinung nach aber ein guter Weg, die Spielwelt mit interessanten NPCs zu füllen, die nicht nur als stumpfe Questgeber fungieren. Bei jedem Storyfortschritt haben diese nämliche etwas Neues zu sagen und man hört nicht ständig nur die neuen Phrasen. Einige dieser kleinen Nebengeschichten erstrecken sich sogar über mehrere Kapitel und teilweise nimmt diese exzessive Form des Worldbuilding ein wenig Tempo aus der Hauptgeschichte, die sich ohnehin nur recht gemächlich entfaltet. Selbst wer nicht versucht alles wahrzunehmen, was Erebonia zu bieten hat, der dürfte am Ende trotzdem mit einer Spielzeit von mindestens 60 bis 70 Stunden rechnen. Lobenswert ist noch hervorzuheben, dass man außer in Dialogen und Kämpfen jederzeit speichern kann – ein Feature, das JRPGs viel zu selten bieten.

Weit gereist – Die Geschichte führt einen zu immer neuen, spannenden Orten.

Hier spielt die Musik

In Sachen Sound gibt es bei Trails of Cold Steel nicht viel zu meckern, insbesondere nicht beim umfangreichen Soundtrack mit einer Mischung aus treibender Kampfmusik und ruhigen Klängen. An wichtigen Stellen sind die Dialoge mit englischen Sprechern vertont, auch wenn ausgerechnet Protagonist Rean des Öfteren stumm bleibt. Hierdurch verkommen Dialoge mit anderen Charakteren zu einer merkwürdigen Form des Selbstgesprächs, was sehr schade ist angesichts der ansonsten hochwertigen Vertonung. Für ein Vita-Spiel aus dem September 2013 (Zeitpunkt der Erstveröffentlichung) sehen die meisten Orte sehr ansprechend aus, auch wenn die Dungeons von ihrem Design her gerne ein bisschen weniger trist seien könnten. Das Spiel läuft auf Sonys Handheld meist gut, aber nie ganz perfekt. Insbesondere bei Kamerafahrten geht die Framerate für einen kurzen Moment in den Keller, was sich aber wie ich finde, in einem tolerierbaren Rahmen hält. Die Kämpfe laufen dann aber wieder sehr gut mit vielen nett inszenierten Attacken und teils riesigen Bossgegnern.

Atmosphärisch – Selbst auf der Vita kann sich das Spiel sehen lassen.

Fazit

Erebonia ist eine der spannendsten Regionen, die ich der aktuellen Generation von JRPGs bereisen konnte, nicht allein dadurch dass es soviel zu tun und entdecken gibt. Von geschäftigen Metropolen bis zu verträumten Hafendörfern ist alles mit dabei und kein Ort fühlt sich leer und leblos an. Die Hauptstory um Class VII nimmt mit jedem Kapitel mehr Fahrt auf und auch die Entwicklung der einzelnen Charaktere ist interessant zu verfolgen. Wer wirklich alles sehen will, was Trails of Cold Steel zu bieten hat, der braucht dank der zahllosen Nebenaufgaben über Wochen sicherlich kein anderes Spiel. Das Kampfsystem ist schnell, abwechslungsreich und nicht zuletzt honoriert es den Spieler. Es bleibt zu hoffen, dass die Lokalisierung vom Nachfolger bald auch bei uns landet.

Trails of Cold Steel ist ab dem 29. Januar auf dem europäischen Markt digital und beim Händler eures Vertrauens für die PlayStation 3 und PlayStation Vita / TV verfügbar. Der Kostenpunkt liegt in beiden Fällen bei rund 40 Euro und es besteht die Möglichkeit für Cross Save (nicht jedoch Cross Buy).
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Kommentare
ProtoType 18. Januar 2016 um 10:56 Uhr

Das Game werde ich dann mal im Auge behalten.
Würde es nicht eh schon auf meiner Liste stehen, würde ich es jetzt definitiv hinzufügen. 😀

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