„100 Gold Coins und zwei Eimer Hähnchenflügel, bitte!“

Geflügelzuchtkonzern Leyou Technologies kauft Entwicklerstudios ein und kassiert ab. Wie viel Verantwortung tragen wir als Gamer für Lebewesen mit?

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Kolumne, die die Meinung des Autoren widerspiegelt. Der Rest der Redaktion teilt diese Ansichten nicht zwangsläufig.

Die Gründe, wieso wir uns mit Videospielen beschäftigen, mögen vielfältig sein: Für die einen mag es Kunst darstellen, für andere Eskapismus vom Alltag und die Hartgesottenen haben gerne eine Sauce aus Sozialkritik in ihren Spielen. Doch alle haben gemeinsam, dass ihre Handlungen ingame keine Konsequenzen in der Realität haben, sieht man mal von den skurrilen Vorfällen ab, die Titel wie Pokémon Go produzieren.

Kürzlich erfuhr ich etwas, das dies für mich radikal änderte: Das ehrwürdige Studio Splash Damage, das ich für seine teambasierten Shooter wie Brink oder Dirty Bomb äußerst liebe, wurde für 150 Millionen US-Dollar von dem chinesischen Konzern Leyou Technologies gekauft. Deren Hauptgeschäft: Hähnchenzucht, -mast, -schredderung, -schlachtung, auch wenn sie sich auf ihrer Homepage dazu nicht bekennen; es ist nicht viel Ruhm in der Ausbeutung und Tötung wehrloser Tiere zu finden, schätze ich. Damit nicht genug, auch Digital Extremes, Entwickler von Warframe, das ich vor wenigen Tagen noch lobte, gehören bereits seit 2015 zur Fleischmaschinerie Leyou, ebenso Perfect World Entertainment, bekannt für Titel wie Neverwinter oder eben Perfect World.

Einen besonders faden Beigeschmack hat Dirty Bomb angesichts seines letzten Patches, der auf den Karten in urbanen Zonen die bereits vorhandene fiktive Fast-Food-Kette ‚Totally Awesome Chicken‘ ausweitete und sogar Mockup-Promomaterial rausbrachte, das mich zuerst etwas lachen ließ. Ich habe viel übrig für Parodien existierender Firmen, die auf offensichtliche Weise persifliert werden, doch AUTSCH! Es ist gar keine Persiflage, es ist eine Ansage, wer den Laden jetzt schmeißt: Leyou Technologies Holdings Limited, früher bekannt als Sumpo Food Holdings Limited.

Plötzlich hat selbst bereits meine Anwesenheit in Dirty Bomb oder Warframe Tragweite, denn Free2Play-Titel benötigen eine aktive Spielerbasis, damit eine liquide Minorität überhaupt erst in Erwägung zieht, Items für Realwährung zu kaufen. Somit trägt selbst ein nichtzahlender Kunde ingame passiv dazu bei, dass Geld fließt. Führt man diesen Gedanken fort, stellt man rasch fest, dass jede Spielminute gleichzeitig einen Konzern unterstützt, der die unwürdige Massenhaltung von Geflügel und die damit einhergehende Schredderung von Küken praktiziert. Spieler tragen eine Verantwortung für diese Tiere mit.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass mir nicht jeder Leser zustimmen wird und eigentlich ist mir das auch scheißegal. Was mir aber nicht egal ist, ist die Tatsache, dass investiertes Geld in Mikrotransaktionen, ja selbst das bloße Einloggen, dazu beiträgt, dass Tiere unter bestialischen Bedingungen misshandelt werden, um sie letztlich zu schlachten und für ’ne Mark zwanzig zu verkaufen. Hier stehe ich nicht vor der Verantwortung, zu entscheiden, ob Ashley oder Kaidan stirbt, sondern ob reale Wesen durch meine Handlungen am heimischen PC woanders sterben. Es war eine schöne Zeit mit Dirty Bomb und Warframe, aber die Deinstallation läuft in diesem Augenblick. Aufgrund der ethischen Lage kehre ich diesen Studios meinen Rücken und ermutige jeden, der bewusst lebt und spielt, dasselbe zu tun. Alles, was ich vom Leser verlange, ist, sich Gedanken zu machen.

 

 

Das Titelbild ist exemplarisch und Eigentum von soylent-network.com

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