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Belästigungs- und Unterdrückungsvorwürfe gegen Naughty Dog und Crash Override

Das progressive Entwicklerstudio und das Anti-Belästigungs-Netzwerk Crash Override haben womöglich einige Leichen im Keller

Späte Enthüllungen über Missbrauch und Belästigung bekannter Personen durch deren Opfer sind leider schon lange eine fast schon permanente Realität der letzten Monate und Jahre. Auch die Videospielindustrie blieb davon leider nicht verschont. Doch während die Welt überwiegend diese Woche auf die langjährigen Übergriffe von Hollywood Produzent Harvey Weinstein schaute, kamen auf Twitter Vorwürfe zutage die innerhalb der Gaming-Gemeinde eher unerwartete Personen betreffen.

 

So brachte David Ballard, Leveldesigner und Enviroment Artist von Uncharted 2, 3 und 4 sowie The Last of Us, am Samstag via Twitter einige Enthüllungen gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Naughty Dog zutage. Das Entwickerstudio ist nicht nur für hochwertige Actionadventures, sondern auch für sozial progressiv designte Spiele bekannt, die mehr als viele vergleichbare Entwicklungshäuser eine große Bandbreite an Charakteren verschiedenster Geschlechter, sexueller Orientierungen und Ethnizitäten mühelos in ihre Spiele einflechten. Doch Ballard zufolge scheint die Toleranz hinter den Kulissen zu enden.

So soll er Ende 2015 durch einen hochrangigen Mitarbeiter bei Naughty Dog sexuell belästigt worden sein. Dem folgend sei sein Arbeitsumfeld zunehmend toxisch geworden, so dass Ballard Februar 2016 einen Nervenzusammenbruch am Arbeitsplatz erlitt. Als sich die Human Resources Abteilung von Naughty Dogs’ Publisher Sony Interactive einschaltete, berichtete Ballard von den Vorfällen, worauf hin er selbst durch Sony prompt gefeuert wurde. Als Grund wurde genannt, dass sich die Firma in eine andere Richtung bewege und sein Posten nicht mehr benötigt werden würde. Jedoch bot Sony Ballard ebenfalls eine Abfindung von 20.000 US-Dollar, sollte er sich schriftlich mit der Entlassung einverstanden geben und Stillschweigen darüber bewahren. Dies lehnte er ab.

Ballard erzählt, dass er bei folgenden Vorstellungsgesprächen Burnout und lange Crunch-Perioden als Grund für sein Ausscheiden von Naughty Dog nannte, da er sich für Vorfälle der sexuellen Belästigung schämte. Doch hätten die vielen Aussagen diverser bekannter Persönlichkeiten gegen die sexuellen Übergriffe von Harvey Weinstein diese Woche ihm den Mut gegeben, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen.

 

Naughty Dog äußerte sich zu den Vorwürfen in einem kurzen Statement und sagte, dass sie keine Beweise von Belästigungen gegen Ballard seitens Naughty Dog oder Sony gefunden hätten. Berichte über sexuelle Belästigung und anderen Arbeitsplatz Konflikten nehme man sehr ernst, und man lege wert auf jeden Mitarbeiter. Eine eigene Aussage über die Gründe von Ballards Ausscheiden aus der Firma wurde jedoch nicht abgegeben.

 

Weitaus komplexer sind die Vorwürfe, die diese Woche gegen Crash Override erhoben wurden, einem Anti-Belästigungsnetzwerk, das im Zuge der Gamergate Kontroversen gegründet wurde, um Opfern von Online Belästigungskampangen zu helfen, genau genommen gegen Co-Gründerin Zoe Quinn (eine der Haupt-Ziele in der Gamergate Bewegung) sowie den Online-Aktivisten Jessie Singal und Randi Lee Harper.

Die Vorwürfe stammen von “Secret Gamer Girl” (im folgenden mit SGG abgekürzt), eine anonyme Twitter Persönlichkeit mit einer langjährigen Historie von Anti-Belästigungs Aktionismus sowie Assoziation mit Quinn, Harper und der US Trans-Community.

Diese Woche veröffentlichte sie einen langen Blogartikel auf der Seite storify, in der sie ihre persönlichen Erfahrungen seit 2014 mit Quinn, Harper und Singal schildert.

In diesem beschreibt sie, wie sie und Zoe Quinn sich im Zuge ihrer gemeinsamen Erfahrungen mit Gamergate befreundeten und sie zu einem aktiven Anhänger von Quinns Anti-Belästigungs-Aktivitäten wurde. Dies hätte jedoch bald zu Problemen geführt, als Quinn in eine Online-Selbsthilfegruppe – von der SGG ein Mitglied war – eingeladen wurde und die Teilnehmer der Gruppe schnell dazu rekrutierte, sich an größeren Maßnahmen gegen Gamergate zu beteiligen und aktiv Mitglieder der Bewegung zu observieren und potenzielle Fälle von Belästigung und Mobbing zu protokollieren. Als Gegenzug für die hohe mentale Belastung und das Risiko weiterer Attacken gegen einzelne Mitglieder der Gruppe versprach Quinn laut SGG finanzielle und persönliche Unterstützung von den Einnahmen die sie durch Spenden erhielt, was jedoch nie passierte.

Darüber hinaus soll es zu verstärkten internen Streitigkeiten gekommen sein durch Personen die von Quinn in die Gruppe gebracht wurden, allen voran Jessie Singal, der durch seine radikalen-transphoben Ansichten Unmut brachte, sowie Randi Lee Harper. Harper wurde während der Kontroversen bekannt durch das Programmieren einer kurierten Blockliste von bekannten Gamergate Anhängern die andere Personen auf Twitter attackierten. Jedoch führten laut SGG Harpers instabile Persönlichkeit und radikale Methodik zu mehr internen Streitigkeiten und Unmut, auch von Zoe Quinn, was im Endeffekt dazu geführt hatte, das Harper ihre Popularität nutzte um Gegner aus eigenen Reihen auszuschließen und mit den selben Methoden zu attackieren die radikale Gamergate-Anhänger nutzten.

Quinn derweil entfernte sich zunehmend vom Anti-Belästigungs Aktivismus um sich auf laufende Projekte wie ihr zuletzt erschienenes Buch “Crash Override: How Gamergate (Nearly) Destroyed My Life, and How We Can Win the Fight Against Online Hate” (welches laut SGG kurz vor Veröffentlichung umgeschrieben wurde, um den Anteil an Crash Overrides’ Aktivitäten durch diverse dritte Personen zu unterschlagen) und ein via Kickstarter finanziertes Spiel zu konzentrieren. Dennoch soll sie gleichzeitig Hilfsanfragen von SGG und anderen an Crash Override aktiv verweigert haben und Misstrauen gegen sie und andere verbreitet haben, was laut Secret Gamer Girl dazu führte dass sie und viele andere isoliert und zusätzlich mit Gerüchten und Attacken aus eigenen Reihen belastet wurden, was nicht nur bei ihr zu hohem emotionalen Stress und wohl auch Selbstmordversuchen geführt hätte.

 

Zoe Quinn hat sich zu diesen Vorwürfen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels nicht konkret zu diesen Vorwürfen geäußert, veröffentlichte jedoch einen neuen Blogpost, der darauf eingeht wie sie sich generell von Statements und Reaktionen von Vorwürfen gegen sie distanzieren möchte.

 

Persönlich möchte ich noch betonen, dass es sich bei beiden Fällen um bisher unbewiesene Vorwürfe handelt. Aber es ist erwähnenswert, dass in beiden Fällen diverse Quellen Teile der Vorwürfe scheinbar legitimieren.

Selbst wenn nur ein Teil der Vorwürfe der Wahrheit entsprechen (falls diese jemals wirklich vollständig enthüllt werden) ist es für viele sicherlich niederschlagend zu hören dass selbst Institutionen die in der Vergangenheit Solidarität und Toleranz gezeigt haben interne Probleme mit Mobbing und verbaler Gewalt haben. Insbesondere in Zeiten, wo Rassismus, Sexismus und allgemeine Intoleranz dank des Internets vermehrt ihr hässliches Gesicht zeigen.

Gleichzeitig möchte ich jedoch hervorheben, dass solche potenziellen Schandflecken auf “dieser” Seite die “andere” Seite nicht legitimieren und dass solche Vorfälle keine legitimen Argumente für die Intoleranz und Misshandlung gegen andere aktiv unterstützen, auch wenn dies von solchen gerne als genau das verwendet wird.

Wenn man überhaupt ein Fazit aus diesen Entwicklungen ziehen kann, ist es dass Vertrauen eine Währung ist, die nicht leichtfertig ausgegeben werden sollte.