Kennst du Her Story?

Vor einem Jahr wurde Her Story veröffentlicht. Falls dieser Release unbemerkt an euch vorbeigezogen ist, haben wir hier für euch eine kleine Zusammenfassung dieses grandiosen „Spiels“.

Als Sam Barlow am 24. Juni 2015 Her Story veröffentlichte, zog auch an mir dieses „Spiel“ vorbei, ohne es wirklich zu beachten. Nachdem ich es vor einiger Zeit jedoch „durchgespielt“ habe, war mir sofort klar, dass ich dazu einen Artikel schreiben muss. Weshalb hat Her Story mich so fasziniert? Was sollen die Anführungszeichen? Sind offene Fragen und der übermäßige Gebrauch von Anführungszeichen noch in? Dies alles möchte ich im Folgenden klären.

Zunächst das Offensichtliche: Für mich ist Her Story kein Spiel im klassischen Sinne. Es ist eine Detektiv-Simulation, ein interaktiver Film – man könnte meinen, ein Hollywood-Autor hätte den Plot entworfen – oder aber auch eine Geschichte, die einfach erzählt werden möchte.

Nach dem Starten des Spiels (ich verzichte von nun an auf die Anführungszeichen) betrachtet man zunächst einen Desktop, der mich selbst stark an meinen ersten Computer erinnert: Ein flackernder Röhrenbildschirm und Windows 95 als Betriebssystem. Neben zwei Textdateien, welche kurz und knapp das sehr schlicht gehaltene Spielprinzip erklären, einer Uhr sowie einem Papierkorb, findet sich lediglich die „L.O.G.I.C. Database“ auf dem Bildschirm. Und das war’s; das ist die Spielumgebung, bis zum „Ende“ des Spiels werden wir diesen Bildschirm nicht verlassen.

Willkommen bei Her Story! Der erste Begriff ist voreingestellt: Mord.

In der genannten Datenbank finden wir insgesamt 271 Videoschnipsel aus sieben im Jahre 1994 geführten Verhören. Die von der britischen Musikerin Viva Seifert gespielte Hannah Smith wird verdächtigt, ihren Mann Simon ermordet zu haben. Jedoch besitzt sie ein Alibi, da sie zur Tatzeit in Glasgow war. Um diese Ausgangssituation entfaltet sich eine dicht verwobene Geschichte, welche es zu ergründen gilt.

Dazu müssen wir in der Datenbank Suchbegriffe wie etwa „murder“, „husband“ – ja, das Spiel ist komplett auf Englisch – oder „Simon“ eingeben, worauf wir als Ergebnis Ausschnitte aus den Vernehmungen erhalten, in welchen Hannah eben jenes Wort benutzt. Der Clou hierbei ist, das lediglich die ersten fünf Treffer zum Ansehen verfügbar sind, die restlichen jedoch nicht. Beispielsweise ergibt die Suche nach „Simon“ insgesamt 61 Treffer. Bei der Verwendung von in bereits gesehenen Videos vorkommenden Worten und lustigem Raten stoßen wir jedoch schnell an eine Grenze. Erst nachdem wir etwas mehr Einblicke in „ihre Geschichte“ erhaschen durften, können wir durch geschicktes Kombinieren mehrerer Suchbegriffe und Um-die-Ecke-Denken weitere Teile der Verhöre finden und ansehen.

Während eines Verhörs singen und Gitarre spielen? Dank Viva Seiferts Schauspielleistung scheint es ganz plausibel.

Auch wenn Her Story dieses Suchen von neuen Videos quasi als einziges Spielprinzip besitzt und es an sich schon eine große Freude bereitet, nach langem Knobeln einen neuen Treffer zu landen, so beruht die „Faszination Her Story“ doch auf der Geschichte, welche sich langsam vor einem ausbreitet. Wer ist diese Hannah Smith, und weshalb fängt sie mitten in einem Verhör an, zu singen? Hat sie ihren Mann wirklich umgebracht? Und welche Rolle spielt die ominöse Person mit dem Namen… nein, den Suchbegriff möchte ich euch natürlich nicht nennen.

Ich möchte und kann leider bei solch einem storylastigen Spiel leider nicht allzu genau die „Handlung“ beschreiben, jedoch soll dies gesagt sein: Es gibt genügend Nebenhandlungen, um sich mehrmals darin zu verlieren als auch den ein oder anderen Story-Twist.

Sobald wir genügend Videos angesehen und genügend von dem Plot erfahren haben, öffnet sich ein Chatfenster und wir werden gefragt, ob wir die Handlung verstanden haben. Antworten wir mit „Ja“, haben wir das Spiel „durchgespielt“. Bei einem „Nein“ hingegen kann die Geschichte noch weiter erforscht und die letzten Videos gefunden werden. Zumindest geht es mir so, dass ich zwar – so denke ich – einen Großteil der Story verstanden habe, doch es gibt auch für mich noch ungeklärte Fragen. Ich hoffe, dass die letzten Videoschnipsel mir doch noch meine finalen Fragen beantworten können.

Nach dem Dreh wurden die Videos auf VHS überspielt, was dem Ganzen noch mehr Charme verleiht. Quelle: Wikipedia

Wie bereits zuvor gesagt, ist das Grafikdesign sehr schlicht gehalten und soll alt anmuten, was sehr gut gelingt. Und damit meine ich nicht nur das gelegentlich auftauchende Bildschirmflackern oder auf dem Röhrenbildschirm spiegelnde Lichtreflexe. Auch die Videos selbst wirken so, als wären sie tatsächlich 1994 gedreht worden. Mal wieder ein Beweis für meine These, dass auch Schlichtheit mehr als schön sein kann.

Zuletzt möchte ich die überragende Leistung Viva Seiferts hervorheben. Von Beruf aus eigentlich Musikerin, leistet die Britin wahrhaft Großes. Man kauft ihr Verzweiflung, Wut, Nostalgie als auch etwas Wahnsinn ab, als wäre sie ein Kind Hollywoods. Ihr britischer Akzent ist nur das i-Pünktchen, dass das ganze zu einem Meisterwerk werden lässt, bei dem es auch nichts ausmacht, dass weder Text noch Ton auf deutsch sind.

Wer Lust auf Her Story bekommen hat, kann sich das Spiel auf Steam erwerben. Wollt ihr lieber eine DRM-freie Version, könnt ihr auch auf gog.com vorbei schauen, dort könnt ihr den interaktiven Film derzeit für nur 5,29 Euro erwerben.

P.S.: Ja, offene Fragen und unnötig viele Anführungszeichen sind noch „in“, oder?

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