Müssen Spielejournalisten “gute Gamer” sein?

Die Antwort sollte eigentlich nicht überraschen…

Nein…natürlich nicht. DUH.

Aber von vorn:

Wenn ihr die letzten Wochen im Internet unterwegs wart, habt ihr vielleicht ein Gamescom Video von VentureBeat zu dem Spiel Cuphead gesehen, mit dem Titel “Cuphead gameplay: It’s not easy” beziehungsweise “Cuphead Gamescom Demo: Dean’s Shameful 26 Minutes Of Gameplay”.

Wenn nicht, dann hier:

Es sind 26 Minuten Direct-Feed Gameplay von Cuphead, gespielt von VentureBeat Journalist Dean Takahashi und er ist nicht sehr gut darin. Überhaupt nicht gut darin. Er hängt mehrere Minuten an einer einzelnen Stelle im Tutorial fest und schafft es in der knapp halben Stunde nicht, an dem folgendem Level vorbei, was (bestreitbar?) nicht allzu schwer aussieht.

Nicht zu unrecht erinnerte es viele an dieses DOOM Video von Polygon:

Wer seinen Humor fremdschäm-ig mag, wird ganz gute Lacher aus den Videos bekommen.

Viele Internet-Personen fanden es jedoch nicht so lustig.

Die überarbeitete Beschreibung des Venture Beat Videos fasst es ganz gut zusammen, aber vielleicht die Eckdaten:
Dean Takahashi war laut VentureBeat der einzige Redakteur für die Unterseite GamesBeat, der an der Gamescom anwesend war, und obwohl Sidescroller Jump ’n’ Runs oder Run and Guns nicht sein Forté sind, hat er es sich angesehen und Gameplay aufgenommen, welches kontextlos auf dem YouTube Channel landete. Das führte dazu, dass Leute auf Twitter, YouTube, Reddit und weitere es als Anlass nahmen, einen Shitstorm gegen Takahashi, GamesBeat und professionellen Spielejournalismus überhaupt aufs Korn zu nehmen. Neben üblichen Rassismus, Sexismus und Morddrohungen war der überwiegende Tenor hier, dass die gezeigte Inkompetenz symptomatisch dafür sei, dass professionelle Spielejournalisten wie Takahashi die “echte” Spielerschaft nicht vertreten und nicht in der Branche arbeiten sollten.

Sicherlich ist das Indiz genug, das Dean Takahashi tatsächlich kein Vertreter für diesen Teil der Gaming-Community ist. Aber es stellt sich die Frage: Müssen Spielejournalisten “gute Gamer” sein?

Und… ich habe meine Antwort schon gegeben.

Es scheint mir ein Missverständnis bei vielen zu sein, was ein “Experte” ist. Reduktiv könnte man sagen, dass ein Terrorismus-Experte kein Terrorist sein muss, aber das wäre etwas irreführend.
Der Job eines Spielejournalisten ist es, ein Medium zwischen den “Insidern” und den “Outsidern”, besser gesagt den Konsumenten, zu bieten. Das kann verschiedene Dinge bedeuten. Alle haben mit dem liefern von Informationen zu tun, sei es als Relais von Entwicklern und Publishern oder aufgrund eigener Investigation. Und wie in anderen journalistischen Gebieten hat der Job viel mit Kommunikation, Organisation und Produktion von Content zu tun.
Selber Videospiele zu spielen sollte schon irgendwo dazugehören, aber Profis in der Spielepresse werden nicht bezahlt, um Spiele zu spielen. Dafür ist die Qualitätssicherung da. Und selbst das ist ein sehr viel anderer Job als manche vielleicht denken.

Jedoch ist da die andere Seite: das “Testen”, rezensieren von Spielen. Der Kritiker, wie man so sagt. Was bei vielen mit einer Erwartung kommt, dass Videospiel-Kritiker die Expertise haben, um “sehr gute Spieler” zu sein. Und das ist fair.
Jedoch zu glauben, dass diese Erwartungshaltung objektiv sei, ist für mich nahezu ungeheuerlich.

Absolut JEDER, der seine Meinung in Worte fassen kann, darf Videospiele kritisieren. Man könnte das “Meinungsfreiheit” nennen.
Die Erwartungen die das Publikum an einen Kritiker stellt, ist subjektiv. Und das betrifft alle Erwartungen. Natürlich gibt es da ziemlich einstimmige Haltungen, “wahrheitsgetreu” sollte da denke ich für fast alle selbstverständlich sein, aber das Meiste ist eine individuelle Sache. Und wenn man individuellen Meinungen feste Erwartungen auferlegt, schränkt man diese Meinungen nur ein.

Es gab – in den letzten Jahren besonders – sehr viel Wut und Angst darüber, dass freier Meinungsaustausch über Videospiele zu der Entscheidung beitrage, ob ein Spiel existieren darf oder nicht. Zum Beispiel sollen “Feminazis” “echten Gamern” ihre Spiele wegnehmen.
Sieht man mal davon ab, dass die GESAMTE kritische Rezeption allgemein nur einen kleinen Teil über finanzielle und kreative Entscheidungen in der Spieleproduktion ausmachen (nebst weit einflussreicheren Sachen wie Verkaufszahlen und solch nebensächlichen Dingen), habe ich in den letzten Jahren nicht gesehen, dass wir irgendwelche Genres oder Arten von Spielen “verloren” haben. Außer vielleicht Arcade-Racing Spiele wie Burnout, aber ich glaube nicht wirklich, dass “Feminazis” daran schuld sind.

Viele lautstarke Gamer im Internet reden von “Elitismus”, wenn es zum Spielejournalismus kommt. Eine “wir gegen die anderen” Haltung. Die Realität ist, dass “wir”, “die anderen” und überhaupt jede Gruppe mit Meinungen zu Videospielen enorm gewachsen sind. Und das beinhaltet Menschen, die “gut” oder “schlecht” in Spielen sind, mit Spielen aufgewachsen sind oder einfach ein akademisches Interesse daran haben. Und egal aus welchen Gründen und Motiven, Interesse hat definitiv damit zu tun.
Und die Meinungen sind divers. Nicht nur aufgrund von Geschmack. Sondern eben auch aus Erfahrungswerten, Erwartungen oder eben auch sehr sehr spezifischen Gesichtspunkten. Das bedeutet, dass so auch viel mehr spezifische Ansichten und Geschmäcker und ja, auch “Skills” der potenziellen Leser/Zuschauer vertreten werden… aber eben auch, dass nicht jeder der seine Meinung publiziert mit jedem “Gamer” darin einig ist.
So liegt es an letzterem, andere Meinungen unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten und im Hinblick darauf zu argumentieren…oder sich eben Meinungen zu suchen, die eher zu der eigenen passen und sich auf diese zu verlassen. Wer jedoch über andere wütend wird und erwartet, dass jeder Kritiker dem eigenen Standard entspricht und sich unter diesen Gesichtspunkten qualifiziert tut nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Spielern keinen Gefallen.

Außerdem ist es einfach sehr sehr kindisch, SO sauer zu werden, nur weil jemand ein Spiel schlecht spielt. Egal wie unglaublich peinlich es sein mag.

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