Test – else Heart.Break()

In Sekundenschnelle Regierungsinformationen herunterladen, eine Bank um Milliarden erleichtern oder ahnungslose Bürger ausspionieren – insbesondere in […]

In Sekundenschnelle Regierungsinformationen herunterladen, eine Bank um Milliarden erleichtern oder ahnungslose Bürger ausspionieren – insbesondere in den Anfängen des World Wide Webs kam in der Popkultur das Bild eines Hackers auf, der schneller tippen konnte als andere denken und der von seinem Zimmer aus jeden beliebigen Rechner auf der Welt erreichen konnte. Das Indie-Team um den schwedischen Programmierer Erik Svedäng stellt sich in else Heart.Break() die Frage, wie es wohl wäre, wenn man tatsächlich über so eine Macht verfügen würde. Wir haben die Kombination aus Adventure und Hacking-Sim auf den Prüfstand gestellt und sagen euch ob das Spiel auf die Whitelist oder in Quarantäne gehört.

var destination = „Dorisburg“

Das Spiel beginnt mit einem mysteriösen Anruf. Sebastian, kurz Seb, sitzt gerade bei seinen Eltern am Tisch, als er telefonisch das Angebot für einen Job erhält. Sebastian soll in einem Ort namens Dorisburg als Vertreter für ein Getränkeunternehmen arbeiten. Details gibt es wenig, ihm wird lediglich der Name eines Hotels genannt mit der Bitte doch direkt im Morgengrauen aufs nächste Schiff dorthin zu steigen. Ohne zu Zögern folgt man diesen Aufruf und lässt sein altes Leben hinter sich nur um bald herauszufinden, dass das Leben in Dorisburg auch nicht besonders rosig ist, wenn man den Leuten an den Docks glauben schenken darf. Wir fragen uns durch um den Weg zu unserem Hotel, dem Devotchka, zu finden und können die mitleidigen Blicke der Bewohner beinahe spüren. Da die Zeit in else Heart.Break() kontinuierlich tickt, ist es bereits nach Mitternacht als wir an der Rezeption eintreffen. Fast das gesamte Ersparte wird uns als Kaution abgezogen. Als Sebastian schließlich die Tür zu seinem Zimmer mit der Nummer 1 öffnen will, landet er in einem Badezimmer. Hat er sich in der Tür geirrt? Wir probieren es noch einmal und landen wieder im Badezimmer. Als wir die Hotelbesitzerin darauf ansprechen, heißt es, dass die Tür wohl wieder defekt sei. Der Hausmeister kümmert sich kurze Zeit später mit einem merkwürdigen Gerät darum. Sebastian gelangt durch dieselbe Tür nun endlich in sein Zimmer, aber ist viel zu müde um das Geschehen zu hinterfragen. Es ist bereits drei Uhr nachts, als er endlich einschlafen kann.

Immer höflich fragen – Fast jeder NPC hat Tipps für uns parat.

Am nächsten Tag sind wir bereits ein wenig spät dran und erfahren an der Rezeption, dass ein Mann nach uns gefragt hat. Da es sich vermutlich um einen neuen Kollegen handelt, der uns einarbeiten soll, machen wir uns sogleich auf die Suche. Im Café finden wir ihn nicht, aber einer der Gäste ist DJ und er lädt Sebastian prompt zu einem Set ein. Wir sagen, dass wir da sein werden und suchen weiter nach unserem Kontakt. Nachdem die Sonne schon fast untergegangen ist, kehren wir noch einmal ins Hotel zurück und tatsächlich sitzt er in der Lobby und spricht uns an. Wir folgen ihm zum Hafen und quatschen unterwegs so über dies und das. An einem Lagerhaus erhalten wir die Einweisungen und können fortan für sagenhafte $3 pro Dose schlechtschmeckende Cola verkaufen. Jeglicher Erlös geht an unseren Boss und wir bekommen dafür lediglich die Unterkunft gestellt. Ein wenig niedergeschlagen machen wir uns auf den Weg zur Bar, schnappen uns ein Bier und treffen dabei eine Person, die unser weiteres Leben in Dorisburg gewaltig auf den Kopf stellen wird… Was nach einer elendig langen Exposition klingt, ist keines Falls trocken, sondern fast komplett frei spielbar – und zwar in Echtzeit. Man hat die Möglichkeit die Geschichte so schnell oder langsam voranzutreiben, wie man gerade Lust hat. Gesteuert wird Sebastian übrigens primär mit der Maus, was durch die Tastenbelegung und den Grafikstil ein wenig an Die Sims erinnert. Die Charaktere unterhalten sich ausschließlich über Sprechblasen auf Englisch oder Schwedisch miteinander. Hin und wieder stehen Sebastian mehrere Antwortmöglichkeiten zur Auswahl, die in der Regel freundlich oder eher weniger nett ausfallen können.

Willkommen in Dorisburg – Es gibt viel zu sehen für uns.

if problem Input(Språk)

Selbstverständlich bietet else Heart.Break() mehr als nur tagein tagaus Cola zu verkaufen. Sobald man ein paar Charaktere kennengelernt hat, bekommt man grundlegendes Hackerequipment geschenkt und erhält seine ersten Lektionen in Språk (Schwedisch für Sprache) – eine fiktive Programmiersprache, die die Einfachheit von BASIC mit modernen Programmierparadigmen verbindet. Ihr sind alle Objekte in Dorisburg unterworfen und neben den offensichtlichen Dingen wie PCs zählen auch Türen, Lampen oder sogar die Cola, die man selber verkaufen soll, dazu. Mit einem Klick kann man sich in ein „Gerät“ einwählen, woraufhin sich ein Texteditor öffnet. Dieser hat leider keinen Maus-Support, aber die wichtigsten Tastenkombination wie Shift-Ende, Strg-C oder Strg-V sind natürlich enthalten, sodass man einem Gegenstand schnell neuen Code injizieren oder einfach nur mit Variablen spielen kann. Jeder Gegenstandstyp unterstützt einen bestimmten Befehlssatz und so kann man zum Beispiel eine Wachmacher-Zigarette erschaffen, aber natürlich keine Musik mit ihr abspielen. Es steht einem frei, was man mit dem erworbenen Wissen anfängt, und so erhält man die Möglichkeit neben der Hauptstory die Welt so zu manipulieren, wie man es möchte. Man kann Geheiminformationen runterladen und sein Konto auffüllen oder man kann sich selbst kleine Gadgets basteln.

Lehrreiche Lektionen – Wer ein wenig sucht, findet Språk-Implementierungen von bekannten Algorithmen wie Caesar Cipher oder Bubblesort.

Insbesondere durch die Verwendung von Språk sticht else Heart.Break() gegenüber anderen Spielen mit Hacking-Elementen hervor. In der Vergangenheit gab es zwar hin und wieder Möglichkeiten die Elektronik auf seine Seite zu bringen, aber oftmals verkam das „Hacking“ zu einem kleinen Minispiel wie etwa in Fallout 3 oder Deus Ex: Human Revolution. Ein bisschen technischer geht es bei Hack ’n‘ Slash von Double Fine oder The Magic Circle von Question zu, allerdings folgen beide Titel mehr einem Baukastensystem zum Anklicken als der Umsetzung von „echtem“ Programmieren mit Texteditor, Syntax und Semantik. Ein Ingame-Compiler interpretiert den Code und zeigt dem Spieler ziemlich kompetent an, wo er noch Fehler in seinem Code hat. Viele Stolpersteine, wie erzwungenes Einrücken, geschweifte Klammern oder Semikolons, fehlen bei Språk. Dadurch ist es auch für absolute Programmierneulinge sehr gut möglich die Aufgaben zu lösen. Sollte man dennoch feststecken findet man immer hilfreiche Disketten und NPCs, die einem Codetipps und „Geheimrezepte“ zeigen können. Ach, und wenn ihr einen Arcade-Automaten im Spiel seht, dann ist das Spiel darauf natürlich auch mit Språk geschrieben – man könnte theoretisch sogar seine eigenen entwickeln!

Schlösserknacken für Anfänger – Mit einer Brute Force-Methode suchen wir die richtige Zahlenkombination.

DisplayGraphics(), PlaySound(soundName)

Grafisch bietet das Spiel einen sehr interessanten Look, der mich mit seinen kantigen Polygonen und Low-Res-Texturen an die Zeit zwischen Mitte und Ende der Neunziger erinnert. Wie auch der Entwickler selbst bin ich in der PlayStation und N64-Ära aufgewachsen und daher weckt die Aufmachung in mir eine gewissen Nostalgie. Die einzelnen Charaktere bekommen durch den Stil eine gewisse Persönlichkeit und man kann sie direkt an ihrer sehr auffälligen und poppigen Kleidung wiedererkennen. Auch Dorisburg selbst wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten mit Disketten und Monitoren, die eine Auflösung von 320×240 Pixeln haben. Natürlich läuft das Spiel selbst trotzdem mit zeitgemäßen 1080p (und mehr) – ganz so wie bei den zahlreichen HD-Remasters, die aktuell in Mode sind. Leider ist auch die Kamera ein Überbleibsel der Neunziger und so kann es manchmal vorkommen, dass man nichts mehr sieht, weil die Kamera von einem anderen Objekt verdeckt wird. Ein sehr cooles Detail ist übrigens die Tatsache, dass jeder Monitor im Spiel Bilder und Texte von laufenden Programmen anzeigen kann, selbst wenn die Kamera herausgezoomt ist. Abgerundet wird das wohlige Retro-Gefühl mit einem Soundtrack, der satte 56 Titel umfasst und, wie man es erwarten würde, zahlreiche Chiptune-Elemente und andere elektronische Klänge enthält. Zusätzlich gibt es noch zahlreiche kleine Soundsamples, die man in seinen Programmen verwenden kann.

Code for Fun – Unser Programm wird sichtbar und in Echtzeit ausgeführt.

Fazit

else Heart.Break() ist meine bedingungslose Empfehlung an alle, die sich schon in irgendeiner Form mit der Thematik des Programmierens auseinandergesetzt haben oder sich schon immer mit ihr befassen wollten. Ich kenne kaum einen Titel, bei dem man auf spielerische Art und Weise so viel lernen oder kreativ anwenden kann. Wen stattdessen vor allem die abwechslungsreiche Story und die Interaktionen mit anderen Charakteren interessieren, der bekommt die gestellten Aufgaben auch ohne Vorkenntnisse hin, da das Spiel großzügig Tipps gibt. Für Technikaffine liegt der Spaß aber ganz klar im Code, denn Dorisburg ist eine riesige Sandbox voller Geheimnisse und Rätsel. Wenn man nur der Story folgt, dann hat man vermutlich nicht einmal die Hälfte der Orte entdeckt und noch viel weniger Eastereggs gefunden. Man sollte sich nicht von der Retro-Optik oder einer hakeligen Kamera abschrecken lassen, denn unter der Haube steckt eine komplexe Simulation mit Tagesabläufen von verschiedensten Charakteren und einem Netzwerk aus Hunderten von Rechnern und umprogrammierbaren Objekten.

else Heart.Break() ist für etwa 23 Euro bei gog.com und Steam erhältlich und läuft unter Windows, MacOS X sowie diversen Linuxdistros. Wer das Spiel über das Humble Widget direkt beim Entwickler kauft, profitiert von einem Paket mit Steam-Key und der DRM-freien Version obendrauf. Bis zum 1. Oktober erhält man außerdem bei allen genannten Händlern 30% Rabatt. Wer den Soundtrack kaufen oder einfach nur reinhören will, der wird bei Bandcamp fündig.

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