Test – Megaton Rainfall

Ein-Mann-Earth-Defense-Force (aus Stahl)

Man of Steel. Das war ein seltsamer Film. Der Starter des “DC Film-Universums” hat seine Fans, aber der Film, der für Superman einen ähnlichen ernsthaft-bodenständigen Rahmen schaffen sollte wie zuvor die “Dark Knight” Trilogie für Batman. Einer der größten Kritikpunkte war das Ende, in dem sich Superman und sein kryptonischer Erzfeind General Zod durch Metropolis prügeln, und es dabei unbedarft in Schutt und Asche legen, ohne Rücksicht auf den kollateralen Material- und Personenschaden. Der Unmut über diesen, vorsichtig gesagt, Charakter-untypischen Showdown war so lautstark, dass es frech zu einem Plotelement in der Fortsetzung, “Batman v. Superman: Dawn of Martha” umgearbeitet wurde. Diese rücksichtslose Zerstörungsorgie hat scheinbar auch seine (Trümmer)Spuren bei Alfonso del Cerro hinterlassen, der zum Erscheinen des Films schon seit einem Jahr an seinem VR Spiel arbeitete. Jetzt, 2017, hat der Kopf seines Ein-Mann-Entwicklerstudios sein Spiel Megaton Rainfall endlich released und lässt uns selbst die destruktive Macht eines Super-Manns spüren.


Angeleitet von einem mysteriösen Aliengott wird man selbst nach und nach mit gottgleichen Kräften ausgestattet (die bereits als Starter Set Unzerstörbarkeit, Überschall-Flug und die Fähigkeit massive Energieprojektile zu feuern beinhalten) und rekrutiert, die Menschheit vor einer Alien-Invasion zu beschützen. So fliegt man kreuz und quer über den Planeten um die Aliens bei ihrem Angriff auf Großstädte abzufangen und vernichtet diese bevor sie zu viel Schaden anrichten.

Selbst unzerstörbar ist dabei die Herausforderung die Aliens daran zu hindern, Schaden anzurichten. Ähnlich wie bei dem überwiegend vergessenen Filmlizenztitel “Superman Returns” ist die Lebensleiste nicht auf die eigene Gesundheit, sondern auf die Population der jeweiligen Stadt bezogen. Während die Aliens mit teils wunderbar pragmatisch stupiden Mitteln (wie einer Abrissbirne, die ein kleines Raumschiff hinter sich herzieht oder anderen, die sich einfach Wolkenkratzer vom Boden reißen und sie von ein paar hundert Metern Höhe fallen lassen) Stadtteile in Schutt und Asche legen, geht die Anzahl der Toten hoch und die Leiste herunter. Zuviele Opfer, und man hat verloren.

Das größere Problem jedoch: Man mag mit einem wachsendem Arsenal von Superkräften ausgestattet sein, die es leicht machen die Aliens zu vernichten. Doch ist man so mächtig, dass man selber eine Gefahr ist und bereits nach wenigen Upgrades einen verbesserten Energieblast bekommt, der von sich aus bei unvorsichtiger Anwendung allein eine Stadt vernichten und zu einem vorzeitigen “Game Over” führen kann. Und so wird man schnell mit immer trickreicheren Gegnern die sich aktiv in den Straßenschluchten verstecken und schwerer zu treffen sind nicht nur der einzige Beschützer der Menschheit, sondern potenziell selbst zur größten Bedrohung.

Nicht nur vom Grundkonzept, zum Schutze der Menschheit riesige UFOs abzuschießen, erinnert das Spiel stark an der lange laufenden Kultreihe “Earth Defense Force”. Wie beim japanischen B-Movie Actionspiel liegt der Fokus auf die spektakuläre Zerstörungsorgie, während die technische Umsetzung drittklassig wirkt. Während Megaton Rainfall dank spektakulärer Lichteffekte und gutem Sounddesign es ein wenig überschminken kann, fällt schnell auf, dass die Städte aus unterdurchschnittlich texturierten und simplen, immer wieder verwendeten Assets bestehen und wie die Aliengegner kantiger daherkommen als sie es vielleicht sollten.

ABER, so schnell sollte man Megaton Rainfall nicht unterschätzen. Immerhin reden wir hier von einem fünf Jahre lang entwickelten Projekt einer einzigen Person. Und fast wie zu erwarten, ist “Megaton” auf seine ganz eigene Weise ein Jahrhundertwerk exzentrischer Ambition.

 

Denn während man auf dem Grundlevel Passanten und Fahrzeuge in all ihrer un-übertrieben N64 artigen Pracht bewundern kann…

…ist dieses Level an wuseligen Detail auch aus der Vogelperspektive erhalten, in Städten die sich über Kilometer entlangziehen. Und das auf der Erde, die wie zu erwarten zwar in keinster Weise akkurat nachempfunden wurde, aber trotzdem in einem 1:1 Maßstab präsentiert wird.

Und mehr noch: Nach wenigen erfolgreichen Alien-Verteidigungen wird die Fähigkeit zum Überschallflug auf ein mehrfaches der Lichtgeschwindigkeit geupgradet. Und so kann man kaum mehr als einer Minute von dem ungefähren Ort wo man sich gerade auf der echten Welt aufhält die Erdatmosphäre verlassen, an anderen Planeten des Sonnensystems vorbeirasen, die Milchstraße verlassen und zu einer endlosen Menge anderer Galaxien fliegen, mit eigenen Sonnensystemen und Planeten, die zwar (wie in der Story des Spiels erklärt) flach und leblos sind und sicherlich nicht an das Level eines No Mans Sky herankommen, aber ihren eigenen Charme haben und manchmal sogar ein Geheimnis verstecken, das eine andere Perspektive auf die Handlung des Spiels zeigt.

Und all das in einem recht schlichten Arcade-artigen “Wave Shooter”. Man könnte, nicht zu Unrecht, die Meinung vertreten, dass die hier an den Tag gelegte Energie auf einem etwas kleineren Ausmaß und größerem Fokus vielleicht besser investiert wäre. Aber gleichzeitig hätte dies zu einem vielleicht in einigen Aspekten besseren, gleichzeitig aber auch weniger charmanten und coolem Spiel geführt. In VR hat das Spiel einen beeindruckend kolossalen Maßstab und vermittelt zielsicher das fantastische Gefühl als Über-Mensch mit unglaublichen Geschwindigkeiten über die Erde und anderen Planeten zu rasen und motiviert die Storymissionen links liegen zu lassen und auf einen kosmischen Trip zu gehen.

 

Spielt man ohne den VR Support, ist das ganze weit weniger beeindruckend, sieht aber natürlich ein ganzes Stück schärfer aus und läuft dank den Auflagen von Playstation VR in permanent flüssigen 60 fps und bleibt ein interessanter Ansatz einer Wave-Shooter Orgie, auch wenn die hier über alles gestellte Präzision und die verlangte Disziplin die Meinung vieler sicherlich spaltet und bei manchen womöglich zu Frust führt, wenn das unbedarfte destruktive Geballer den Alien Gegnern vorbehalten ist.

Fazit

Ob man das Endergebnis mag oder nicht, ist Megaton Rainfall der wahrscheinlich beste “Superman Simulator” der Videospielgeschichte...was, wenn man sich mit den diversen Superman-Spielen auskennt nur ein sehr kleines Lob ist. Dennoch, die schiere absurde Ambition dieses Ein-Mann-Projekts, die technisch schwache, aber dennoch spektakuläre Präsentation und die (Super)Macht-Fantasie die hier vermittelt wird machen Megaton Rainfall zu mehr als einem generischen Wave Shooter.
Ohne VR ist es zwar dennoch nur für jene ans Herz zu legen, die sich stark für die Prämisse interessieren, aber umso mehr ist es für Virtual Reality eine coole und beeindruckende Attraktion.
Positiv
  • unglaubliche Ambition
  • Wave Shooter mit frischen Ideen
  • fühlt sich in VR exzellent an
Negativ
  • quantitativ beeindruckende, aber qualitativ mehr als unterdurchschnittliche Grafik
  • im Kern recht simpel und kurz
  • potenziell mehr Frust als Spaß
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