Test – Nioh

Ist Nioh ein würdiger Dark Souls Nachfolger?

Was würdet ihr tun, wenn eure beste Freundin, die ihr seit Kindheitstagen bei euch habt, plötzlich Gefangene eines schwer wahnsinnigen Alchimisten wird? Natürlich, ich macht euch auf, um sie zu retten. Dass Williams Freundin allerdings eigentlich ein Schutzgeist ist, der eine mächtige Substanz namens Amrita aufspüren kann und er im feudalen Japan auf der Suche nach seiner Freundin in einen Krieg verwickelt wird, damit hat der hauptberufliche Pirat nun wahrlich nicht gerechnet.

Der fesche Samurai von heute trägt britische Wachoutfits!

Mehr Worte zur Story will ich gar nicht verlieren, denn diese wird innerhalb des Spiels doch am besten erzählt. So wird sie einerseits von sehr hübsch inszenierten Videos, teils in Ingame-Grafik, teils in typisch japanischer Malkunst erzählt. Wer allerdings zu faul zum lesen ist, wird nur die Hälfte der durchaus genialen, wenn auch teilweise offensichtlichen, Story erfahren. Ein großer Teil wird durch die Beschreibungen der Nebenaufgaben, Textboxen mit großen Charakterportraits und den sogenannten Amrita Erinnerungen innerhalb des Spiels erzählt. Gerade die japanische Mythologie wird vorne und hinten aufgerollt und wichtige Persönlichkeiten aus der japanischen Geschichte trifft man an allen Ecken und Enden. William zum Beispiel basiert auf William Adams, dem ersten Menschen aus dem Westen, der an der japanische Küste angespült wurde und daraufhin der erste “blonde Samurai” wurde. Aus der Alpha/Beta dürfte euch ja bereits Hattori Hanzo, der Anführer der damaligen Ninja, bekannt sein (Nice-2-know fact: Ninjas nutzten tatsächlich Katzen an Stelle von Uhren).

Was ist Amrita und wofür brauche ich das überhaupt?

Was genau ist dieses Amrita denn eigentlich, das ich jetzt schon zwei mal erwähnt habe? Es ist das Äquivalent zu den Seelen aus Dark Souls. Es sorgt dafür, das ihr eure Attribute steigern könnt, gleichzeitig scheint es eine Art Stein der Weisen zu sein, denn abgesehen von den Yokai, die dämonischen Gegner im Japan von Nioh, die durch Amrita entstehen, sind mehrere durchaus reale Fraktionen an diesem Seelenäquivalent interessiert. Außerdem gibt es noch normales Geld als Währung, das ihr beim Schmied zum Herstellen neuer Waffen und Rüstungen, dem Kauf von Munition und anderen Hilfsmitteln und neuen Frisuren und Bärten auf den Kopf hauen könnt. Und weil es so schön ist, erarbeitet ihr euch über Erfolge innerhalb des Spiels einen gewissen Ruf, mit dem ihr eure Attribute nochmals um kleinere Beträge steigern könnt, was aber in der Masse tatsächlich das Zünglein an der Waage darstellen kann. Zum Beispiel erhaltet ihr einen Rufpunkt dafür, das ihr mit zwei Katanas 100 Gegner geschnetzelt habt. Mit diesem könntet ihr dann euer Ki um 1 Punkt steigern.

Moment, Gegenstände? Ja, es gibt einen ganzen Haufen davon. Auch wenn ihr zehnmal das gleiche Schwert findet, wird es niemals zweimal das selbe Schwert in dieser Sammlung geben. Die Eigenschaften der Waffen werden ganz ähnlich zu Diablo nämlich zufällig ausgewürfelt. In der Schmiede könnt ihr einzelne Fähigkeiten umschmieden, eine Fähigkeit von einer Waffe auf ein neueres Model übertragen oder einen Gegenstand so oft erstellen lassen, bis die von euch gewünschte Kombination aus Fähigkeiten auftritt. Allerdings könnt ihr die Fähigkeiten nur nutzen, wenn ihr auch die Anforderungen mit euren Attributen erfüllt. Das hat mich beim Spielen sehr schnell in arge Bedrängnis gebracht, da ich ähnlich wie in Dark Souls nur Ki (Anmerkung des Autors: Das Äquivalent zu Ausdauer in Dark Souls) nur ein Attribut gesteigert hatte und mir die meisten Rüstungen damit versagt blieben, da William einfach nicht stark genug war, sie zu tragen. Und weil das noch nicht genug war, gibt es sogar ganze Sets, die man schmieden oder finden kann.

Man muss auch mal entspannt meditieren können…

Im Schatten des großen Vorbilds

Da ich es schon wieder erwähnt habe: Ja, man muss das Spiel einfach mit Dark Souls vergleichen. Von der Steuerung über das Kampfsystem bis hin zum Schwierigkeitsgrad der Bosse, es erinnert einiges daran. Ihr sterbt in Nioh nicht, sondern werdet zum letzten Schrein zurück versetzt und verliert dabei Geld und Amrita. Dieses könnt ihr beim nächsten Versuch noch aufsammeln, euer ausgewählter Schutzgeist wacht so lange über euer Grab, bis ihr erneut sterbt und alles verliert oder es einsammelt und eure schwer erschuftete Seelenwährung zurück erlangt. An den Schreinen könnt ihr Jutsus, wie die Magie und Ninja-Fähigkeiten genannt werden, vorbereiten, in der Stufe aufsteigen, Koop-Partner beschwören, den Schutzgeist wechseln, Gegenstände für mehr Amrita opfern… Wen erinnert das nicht an Dark Souls? Auch gibt es innerhalb der Missionen Abkürzungen zu zuvor besuchten Schreinen. Der Schwierigkeitsgrad wurde meiner Meinung nach seit der Beta gesenkt, allerdings kann das auch mit der vorhandenen Spielerfahrung aus der Alpha/Beta zusammen hängen.

Genug von den Ähnlichkeiten zu Dark Souls, Nioh bringt genug Eigenständigkeit mit, um als eigenes Spiel durchzugehen. So seid ihr nicht in einer großen, offenen Welt unterwegs, sondern bestreitet einzelne Missionen, deren Karten ebenfalls riesig sind. Wenn man kein sehr gutes Gedächtnis hat, sollte man sich gerade in den Höhlensystemen Stift und Papier zu Hand nehmen, um eine grobe Karte zu zeichnen. Ihr habt zwar einen Kompass, der zeigt euch aber nur den Weg zum Hauptziel an. Anfänglich werden die Gebiete noch häufig in den Nebenmissionen, die ihr zum Freischalten neuer Schmiedepläne und neuer Schutzgeister bestreiten müsst, recycelt, allerdings endet auch das recht schnell und ihr bekommt auch in den Nebenmissionen neue, große und schöne Gebiete vorgesetzt. Hin und wieder fordert euch einer der Charaktere, die ihr auf eurer Reise trefft zum Duell in einer Arena heraus. Kleinere Rätsel sind auch immer wieder anzutreffen, so müsst ihr in einer Mine große dämonische Giftpilze vernichten, um die Luft zu reinigen. Das Problem: Der ganze untere Bereich der Mine ist voller Giftwolken. So müsst ihr nun zuerst eine Belüftungsanlage finden, damit durch den Kurbel-Antrieb kurzzeitig die Luft wieder sauber ist, danach die Pilze suchen und vernichten, um den Raum endgültig Smog-frei zu bekommen.

Kämpfen leicht gemacht

Das Kampfsystem ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Anders als im großen Vorbild habt ihr in Nioh ohne Ressourcenmanagement keine Schnitte. Wenn euer Ki ausgeht und ihr einen Treffer kassiert, seid ihr danach erst mal für mehrere Sekunden bewegungsunfähig, was schnell das Ende für euch bedeuten kann. Zum Glück kann man nach einer Combo mit einem Druck auf R1 das verlorene Ki wieder aufnehmen. Im Skilltree der einzelnen Waffen könnt ihr sogar eine Fähigkeit freischalten, die euren Ki-Impuls genannten Regenerationsversuch beim ausweichen aktiviert. Überhaupt gibt es eine riesige Bandbreite an Fähigkeiten, die für jede Waffengattung wie Katana, Speer oder Axt eigene Fähigkeiten freischalten. Leider gilt das nicht für die Fernkampfwaffen. Dennoch hat keine Waffe ein festgelegtes Angriffsset, ihr könnt es pro Waffengattung nach Belieben euren Wünschen anpassen. Einzig die grundsätzlichen Kombinationen aus schweren und leichten Schlägen bleiben gleich. Zusätzlich habt ihr noch Haltungen, die ihr mit einem Tastendruck ändert. Diese passen Ki-Verbrauch und Schaden und euer Skill-Set nochmals an. So habt ihr in der hohen Haltung stärkeren Schaden, aber auch höheren Ki-Verbrauch, in der tiefen Haltung sind eure Angriffe schneller, aber schwächer, verbrauchen dafür weniger Ki und helfen somit, im letzten Moment ausweichen zu können. Die Animationen der einzelnen Waffen und Haltungen sind auch unglaublich gut in Szene gesetzt, in der hohen Haltung hat man wirklich das Gefühl, William schwing sein Katana mit ganzem Körpereinsatz. Allerdings ist die Kamera ohne ein Ziel festzulegen in engeren Gefilden äußerst sprunghaft – das ein oder andere Mal des Ablebens verdankte ich nur dieser vermaledeiten Kamera!

“Release the…. Umibozu?”

Technik im feudalen Japan

Von technischer Seite brilliert Nioh zwar nicht, ist aber durchaus hübsch anzusehen und verfolgt seinen eigenen Stil. Hin und wieder steht man vor vermatschten Texturen, besonders bei kleineren Dingen wie Felsen oder Treppengeländern (kein Scherz, die sind sofort aufgefallen!). Die Animationen wiederum wirken aus der Ferne hölzern. Auch die KI hat hin und wieder Aussetzer: Gegner, die direkt in Reichweite meines Schwertes standen sind auf dem Absatz umgedreht und einmal um ein komplettes Gebäude und dort aufs Dach geklettert, um dann direkt vor mir wieder herunter zu springen.

Der Soundtrack klingt großartig – mal ein sanftes Klimpern auf einer Shamisen, mal treibende, donnernde Musik in Boss Arenen. Ich hatte nie das Gefühl, das mich die Musik aus dem Spiel reißt, eher noch, das sie die Umgebung in ihrer Glaubwürdigkeit unterstützt – mir ist sie jedenfalls nie störend aufgefallen.  Alles bleibt natürlich asiatisch angehaucht, aber das passt einfach ins Setting.

Zu zweit macht es doch gleich doppelt Spaß

Auch der Multiplayer funktioniert ordentlich, aber das hat er ja bereits in der Beta schon. Man hat keine Lags und findet Mitspieler nahezu sofort, wenn man das passende Geheimwort hat und der Mitspieler auch gerade wirklich nach einem Partner im Kampf gegen das Böse sucht. An dieser Stelle ein fettes Dankeschön an PowerPyx für die ausgiebige Hilfe beim Testen! Hier zieht das Spiel ebenfalls Parallelen zu Dark Souls: Man erscheint als goldener Geist beim Mitspieler und kann nicht direkt miteinander kommunizieren sondern durch ein Gestenmenü, das so auch bereits bekannt sein dürfte. Einen PvP Modus haben wir allerdings nicht finden können.

Getestet wurden sowohl Version 1.0 als auch 1.01.

Fazit

Für mich ist Nioh mehr als ein würdiger Dark Souls Nachfolger. Es bringt genug eigenes Amrita mit, um sich als eigene Reihe zu definieren, ohne dabei gleich das gesamte Genre (oder lieber die gesamte Dark Souls Spielreihe?) über den Haufen zu werfen. Die Änderungen sind zwar keine bahnbrechenden Innovationen, aber durchaus mit dem Rest des Spiels in Einklang gebracht. So auch die Tatsache, dass man wirklich was von der Geschichte erfährt und nicht alle Brotkrumen selbst zusammen reimen muss. Allen voran die Interpretation der historischen Charaktere hat mir sehr gefallen. Ihr könnt wirklich jeden (!!!) Namen im Spiel nachschlagen und findet einen historischen Eintrag dazu. Ein bisschen Schade finde ich, dass das Spiel grafisch nicht auf Hochglanz poliert wurde. Aber es bleibt dabei: Es sieht gut aus, nur eben nicht perfekt. Der Schwierigkeitsgrad hätte für mich etwas höher liegen können, aber dies kann wie gesagt an der bereits gesammelten Erfahrung innerhalb von Alpha und Beta liegen.
Positiv
  • japanische Folklore kennenlernen!
  • Schöner Grafikstil....
  • Trotz unverkennbarer Ähnlichkeit zu Dark Souls genug eigene Ideen
  • Toller Soundtrack
  • Kampfsystem ist gut balanciert
  • Bosskämpfe sind fordernd aber nie unfair
Negativ
  • seltene KI-Aussetzer
  • ... der ab und an mit vermatschten Texturen aufwartet
  • "Normale" Gegner teilweise zu leicht
  • Inventar manchmal konfus
Kommentare
Marco Mühlen 2. Februar 2017 um 10:01 Uhr

Klingt echt gut.
Mist, jetzt steht noch ein Titel auf der Wunschliste! D:

Sebastian Kunz 2. Februar 2017 um 9:20 Uhr

Das hört sich wirklich gut an. Ich finde das Setting interessant, von daher werde ich es mir mal anschauen.

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