Test – Pathfinder: Kingmaker

Back to the roots. Pathfinder: Kingmaker kehrt zu den Wurzeln des klassischen Rollenspiels zurück und macht dabei sehr viel richtig.

Erst 2017 startete das ein Jahr zuvor gegründete Studio Owlcat Games die Kickstarter Kampagne zu Pathfinder: Kingmaker mit einem voraussichtlichen Releasedatum im August 2018. Üblicherweise hätte man also davon ausgehen können, dass der Titel irgendwann im Verlauf von 2019 oder 2020 erscheint. 18.351 Unterstützer und 909.057 US-Dollar später machte das neue Studio seine Versprechen aber (fast) wahr und veröffentlichte am 25. September diesen Jahres das RPG für PC, Mac und Linux.

 

Ganz im klassischen Stil eines Baldurs Gate, Neverwinter Nights oder jüngst auch Pillars of Eternity (2), handelt es sich bei Pathfinder: Kingmaker um ein Rollenspiel mit isometrischer Ansicht. Das bedeutet, ihr schaut aus der Vogelperspektive auf eure Gruppe an Charakteren und steuert sie mit der Maus durch die Welt. Das Spiel folgt dem Königsmacher Abenteuerpfad von 2010, welcher wie die anderen Pathfinder Regelwerke und Bücher auch von Paizo Publishing veröffentlicht wurde. Es handelt sich dabei um vorgeschriebene Kampagnen in der Pen und Paper-Welt, die mit Pathfinder: Kingmaker nun auch auf dem PC spielbar ist. Die Spielregion ist das Stolen Land, welches zur Nation Brevoy gehört, die sich wiederum auf dem Kontinent Avistan befindet. Ihr dürft zu Beginn euren Recken erstellen, den ihr schließlich durch die Welt begleitet.

Bei der Charaktererstellung wurden uns sehr viele Freiheiten gelassen. Entweder wählt ihr zu Beginn eine von fünf vorgefertigten Klassen aus oder ihr legt eine eigene an. Eingefleischte Genrekenner bevorzugen natürlich letzteres. Nachdem ihr Portrait und Rasse eures Helden gewählt habt, geht es weiter mit der Klasse. 14 Klassen sowie sechs Klassen, die bestimmte Voraussetzungen benötigen, bietet euch der Titel an. Jede Klasse hat zudem noch vier Kategorien mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Entscheidet ihr euch beispielweise dafür, ein Barde zu sein, gibt es die Option, sich als Archäologe zu spezialisieren, was neben üblichen Bardenfähigkeiten auch noch Schurkenfähigkeiten mit sich bringt. So habt ihr neben den 14 Klassen also noch Möglichkeiten, euren Charakter noch individueller zu gestalten. Das gilt übrigens auch für das Level-System während des Spiels. Wer will, kann beim Levelaufstieg beispielsweise Punkte in eine andere Klasse investieren, um einen Hybriden zu bauen. Das Aussehen des Charakters kann leider nur minimal verändert werden, was leider die größte Schwäche des sonst sehr vollgepackten Editors ist. Da man die Figuren aber nur aus isometrischer Sicht sieht, ist dies weniger schlimm. Wie beim Pen und Paper gilt es dann, die Begabungspunkte zu verteilen. Je nach Klasse sollte man natürlich auf die jeweiligen Stärken setzen. Ein Zauberer, der hauptsächlich auf Geschicklichkeit geskillt ist, wird keine guten Zauber wirken können. Auch bei den zu wählenden Fertigkeiten solltet ihr im Hinterkopf behalten, was für eure Klasse denn am meisten Sinn macht. Letztlich gilt es noch, aktive Fähigkeiten und eventuell Zauber auszuwählen, um euch sogleich ins Abenteuer zu stürzen.

Ihr findet euch sogleich im Thronraum der Baronin Jamandi Aldori wieder, da ihr ihrem Aufruf nach wackeren Abenteurern gefolgt seid. Nicht nur euer Held, sondern auch etliche weitere Abenteurer wurden in die Hallen eingeladen, um eine geheime Mission zu unternehmen. Wie wir später erfahren werden, soll der Stag Lord, ein finsterer Herrscher aus den Stolen Lands, gestürzt werden. Wer dies schafft, wird als neuer Herrscher des Gebietes anerkannt und darf sich fortan selbst Baron nennen. In der Nacht vor der Abreise wird das Schloss allerdings von einer Gruppe Abtrünniger angegriffen, die auf mysteriöse Weise in das Innere gelangen konnten. Die Einführungsmission fungiert dabei als Tutorial mit vielen Pop-Up-Fenstern, die relevante Tipps und Informationen bereithalten. Des Weiteren lernt ihr schnell eure ersten Gefährten kennen, mit denen ihr die Eindringlinge schließlich vertreibt. Aufgrund der mysteriösen Umstände werdet sowohl ihr als auch der Gnom-Hexer Tartuccio von Einigen als Spione und Verräter beschuldigt. Die Baronin weiß jedoch nicht so recht, wem sie Vertrauen schenken soll und teilt schließlich die Gefährten-Gruppe in zwei und bestimmt Tartuccio und euren Spielercharakter als Anführer. Je nachdem welche Entscheidungen ihr in der Mission davor getroffen habt, schließen sich euch nun einige der anderen Charaktere an, um zusammen den Stag Lord zu stürzen. Bis zu fünf Gefährten lassen sich übrigens mit auf die Reise nehmen. Gewechselt werden können diese natürlich an bestimmten Orten auch.

Neben der Hauptquest bietet der Titel zudem genregetreu eine Reihe an Nebenquests, die sogar teilweise in die übergreifende Geschichte verwoben sind und sich daher nicht als bloße „Fetchquests“ verstehen. Teilweise sind aber die Aufgaben, die ihr zu Beginn bekommt, und die damit einhergehenden Gegner für Level 1 Charaktere noch zu schwer. Das gilt aber für das komplette Spiel, zumindest wenn ihr das Spiel auf dem Schwierigkeitsgrad Normal beginnt. Glücklicherweise kann in den Spieleinstellungen der Grad frei gewählt werden. Besonders bei Pathfinder: Kingmaker ist allerdings, dass etliche rollenspielrelevante Funktionen und Einstellungen geändert werden können und man sich so seinen eigenen Modus zusammenstellt. Beispielsweise könnt ihr kritische Treffer der Gegner ausschalten oder den permanenten Tod eurer Gefährten verhindern. Auch der Schaden, den eure Gruppe erhält, kann geregelt werden. Daneben hat das Spiel sechs vorgefertigte Modi, Anfänger sollten definitiv den Story Modus oder den einfachen Modus wählen, da diese noch immer herausfordernd sind. Der normale Modus ist hier eher als Schwer oder Sehr Schwer anzusehen. Entscheidet ihr euch für die herausfordernden Grade, solltet ihr sehr häufig von der Quicksave-Funktion Gebrauch machen, da selbst unscheinbare Gegner direkt zu Beginn schier übermächtig wirken.

Gekämpft wird typisch mit Aktionen, die in der Schnellleiste zu finden sind. Dabei empfiehlt es sich, die genauen Rollen der Charaktere zu bedenken. Ein Tank macht nur in der vordersten Reihe Sinn, ein Bogenschütze sollte dagegen die Nachhut bilden. Ihr könnt daher jederzeit einstellen, wie sich eure Charaktere im Kampf verhalten und an welcher Position sie stehen sollen. Zudem kann während der Kämpfe via Echtzeitpausierung das Geschehen gestoppt werden, um den verschiedenen Gefährten Befehle zu erteilen. Je nachdem welche Optionen ihr für die Schwierigkeit des Spiels gewählt habt, ist es ohne diese Funktion fast unmöglich, bestimmte Encounter erfolgreich zu bestehen. Das Kampfsystem nutzt natürlich auch die Regeln des Pen and Papers, was bedeutet, dass Angriffe über einen D20, einen zwanzigseitigen Würfel, ausgerollt werden. Die Abwehr der Gegner ist allerdings auf dem Standardgrad so hoch, dass kaum ein Angriff trifft, kritische Treffer vermisst man sowieso. Auch gilt es zu bedenken, dass bestimmte Gegnertypen resistent gegenüber bestimmtem Schaden sind und nur durch die korrekten Schadenstypen verletzt werden können. Gegner, die im Schwarm angreifen, können durch Single Target-Angriffe beispielsweise überhaupt nicht verletzt werden, dort helfen nur AoEs. Findet man sich aber in das hoch komplexe Kampfsystem ein und lernt die Gegnertypen kennen, offenbart sich ein aufwändiges und sehr gut durchdachtes Spielerlebnis, das nur wenige Rollenspiele in dieser Art bieten.

Ein weiter Aspekt liegt auf dem Ausbau der eigenen Baronie, welche man ab einem bestimmten Zeitpunkt im Spiel erhält. Wer denkt, dass dies nur ein optionaler Modus ist, liegt falsch. Kleine Entscheidungen können sich drastisch auf das Spiel auswirken, bis hin zum „Game Over“. Wer dem System allerdings gar nichts abgewinnen kann, hat die Möglichkeit, die Schwierigkeit zu senken oder ganz automatisiert ablaufen zu lassen. Dadurch entgeht euch aber ein integraler Bestandteil des Titels.

Letztlich gilt es, noch einen Blick auf die technische Seite zu werfen. Tonlich macht das Spiel einiges her. Die musikalische Untermalung ist hervorragend, in den Kämpfen treibend, auf der Karte entspannend angenehm. Zwar sind nicht alle Gespräche vertont, aber jene die es sind, klingen fantastisch. Besonders die Halbling-Bardin Linzi überzeugt als eine der Gefährtinnen und Erzählerin zugleich. Graphisch ist das Spiel zwar nett anzusehen, große technische Innovationen darf man allerdings nicht erwarten. Im Gesamten ist das Spiel technisch aber leider nicht einwandfrei. Gerade zum Release gab es viele Fehler und Glitches, die von den Entwicklern zwar mit konstanten Patches angegangen werden, aber noch immer nicht aus der Welt sind.

Fazit

Für Genrefreunde ist Pathfinder: Kingmaker ein herausragendes Spiel mit mehrheitlich Stärken und nur wenigen Schwächen. Neben dem Rollenspielaspekt bietet euch der Titel einen eingebauten Städtesimulator, in welchem ihr eure Baronie ausbauen müsst. Neueinsteiger werden die ersten Stunden aber frustriert sein. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Kämpfe, die zum Großteil einfach zu nah am Pen and Paper-Original liegen. Obwohl die Kämpfe eigentlich recht schnell beendet sein könnten, ist es unabdingbar, dass man pausiert und die Fähigkeiten intelligent wählt. Je nachdem mit welcher Gegnergruppierung ihr es zu tun habt, lohnen sich bestimmte Zauber oder eben auch nicht. Bis man sich ins das hoch-komplexe Kampfsystem reingefunden hat, vergehen somit Stunden. Auch Lesemuffel werden sich beim Titel eher wenig wohlfühlen. Da nicht alles synchronisiert ist, müsst ihr viel lesen, außerdem sind während der Gespräche interessante oder relevante Wörter markiert und enthalten Informationen zur Lore von Pathfinder. Ihr könnt also alleine mit dem Lesen der Lore mehrere Stunden verbringen. Wer diese Hürden aber überspringen kann, wird mit Pathfinder eine lange Zeit sehr viel Spaß haben.
Positiv
  • Lange Spieldauer
  • Regelwerk sehr gut portiert
  • Schöner Charaktereditor
  • Gute Geschichte
  • Sehr gute Vertonung
Negativ
  • Wenig einsteigerfreundlich
  • Sehr schwer
Kommentare

Was denkst du darüber?

Schlagwörter:pathfinder