Test – Perception

Perception beweist: Um ein Spukhaus zu erkunden, muss man nicht unbedingt sehen können. Auch wenn ich es den Protagonisten in einem Horror-Adventure generell nicht empfehlen würde.

Perception tauchte erstmals 2015 als ein (erfolgreich finanziertes) Kickstarter Projekt von dem Entwicklerstudio “The Deep End Games”, gegründet von einem ehemaligen Bioshock-Leveldesigner, auf. Es folgt eine schon damals bekannte Struktur vieler moderner Horrorspielen, mit einem besonderen Unterschied: Der Spielercharakter ist blind, was das Spiel mit einem eigenen visuellen Stil repräsentiert. Es ist nicht das erste oder das letzte Horrorspiel, das die Idee für sich genutzt hat, aber dennoch verwendet Perception diese für interessante Situationen und Mechaniken.

Getrieben durch seltsame Albträume findet man sich als blinde, verwaiste Künstlerin Cassie vor einem einsamen, verlassenen Anwesen in Neu England. Kaum angekommen wird sie schnell mit Visionen Ihrer Albträume, der Vergangenheit der früheren Einwohner und ihren eigenen Erinnerungen konfrontiert. Und schnell zeigt sich, dass das Haus eine längere und komplexere Geschichte verbirgt.

 

Man kommt nicht herum, bei Perception zunächst über den visuellen Stil zu reden. Die Wahrnehmung der blinden Protagonistin wird mit einer Art Echolot-Vision simuliert. Geräusche füllen den sonst komplett schwarzen Bildschirm mit ultraschallartigen Wellen, die die Spielwelt im umliegenden Radius ausmalen. Sicherlich keine realistische Repräsentation einer Sehbehinderung. Aber es präsentiert das altbekannte „verlassene Haus-Setting“ in gleichzeitig überraschend bunten, aber auch geisterhaften Silhouetten, die die Räume auf unerwartete Weisen beleuchten.

Sicherlich nutzt das Spiel die Blindheit der Protagonistin als Handicap für den Spieler, aber es ist wichtig zu erwähnen, dass das Spiel gekonnt dem Spieler Mechaniken gibt, um mit und nicht gegen die veränderte Wahrnehmung im Spiel zu arbeiten. Cassie ist mit einem Blindenstock, den man bei bedarf gegen sämtliche Oberflächen schlagen kann, “bewaffnet”, um die unmittelbare Umgebung sichtbar zu machen und distinktive Elemente in Räumen, zum Beispiel die Türrahmen und Kamine, permanent zu markieren. Es ergibt sich schnell ein Rhythmus, und man findet sich selten dabei gegen die Wände zu laufen und kann überraschend schnell durch die stockdunkle Welt navigieren. Darüber hinaus kann man sich als Cassie mit einem sprachgesteuerten Smartphone behelfen, um Texte zu lesen oder sich via App online einen Helfer dazuzuholen, um Bilder und ähnliches zu beschreiben (und nebenbei ein wenig Comic-Relief beizusteuern, da man immer wieder den selben Helfer am anderen Ende der Leitung erreicht und ihm zunehmend bizarrere Bilder zeigt). Cassie hat zwar ein Handicap, ist aber alles andere als hilflos.

Zumindest solange man nicht mit “der Präsenz” konfrontiert wird, die auf Cassie jagt macht. Der geisterhafte Stalker taucht immer dann auf, wenn man etwas zu viel Lärm macht und so das Verstecken zur einzigen Option wird. Gleichzeitig wird das geräusch-basiertem Erkunden des Hauses zu einem großen Risiko. Zumindest in der Theorie. Praktisch gesehen taucht dieser Gegner nur selten im Spiel auf und folgt einem vorhersehbaren Muster. Gepaart mit wenigen, sehr simplen, Puzzeln ist der spielerische Aspekt tatsächlich der Schwachpunkt des Spiels. Insbesondere da sicherlich noch einiges mehr an Potenzial in Perceptions Konzept gewesen wäre. Mit ähnlichen Spielen wie Outlast oder Resident Evil 7 kann es nicht mithalten.

Dankbarer weise zeigt Perception jedoch seine Stärken als narratives Erlebnis. Abgesehen von den herausstechenden visuellen Aspekten läuft der Plot mit einem sehr guten Rhythmus und bietet in Regelmäßigkeit unerwartete Wendungen, die das Spiel trotz des scheinbar abgenutzten Settings bis zum Ende spannend halten. Zugegeben, die unerwarteten Wendungen haben viel damit zu tun, dass die Handlung des Spiels recht rasch von bodenständig und sogar etwas tragisch in zunehmend absurdere und seltsamere Gefilde übergeht. Manchmal sogar albern. Aber dafür ist es nie langweilig und hinterlässt, dank des zum Ende hin gut verbundenen thematischen Ganzen der einzelnen Elemente, einen charmanten Eindruck.

Dabei hilft es, dass das kleine Ensemble an Charakteren dank exzellentem englischen Voice-Acting überzeugt. Cassie ist sympathisch als Hauptfigur und ist nicht rein durch ihre Sehbehinderung oder anderen eindimensionalen Aspekten definiert. Zudem schafft sie es, mit einigen selbstreferentiellen Kommentaren etwas Leichtigkeit in die Sache zu bringen und den vermutlich Horror-erfahrenen Spieler gut zu reflektieren.

( Nebenbei ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass einige Hintergrundgeschichten der Protagonistin etwas versteckt in einem separaten Telefon-Menü durch Kurznachrichten und Anrufbeantworter-Aufnahmen erzählt werden und selbiges Menü keine spielerische Relevanz hat. Daher sollte man vielleicht direkt am Anfang des Spiels da etwas nachforschen )

Die ehemaligen Hausbewohner, dessen Schicksale man im Laufe des Spiels aufdeckt, kommen vergleichsweise zweidimensionaler daher. Dank der angesprochenen wendungsreichen Handlung bieten sie dennoch mehr Tiefe als man zunächst annehmen mag.

Insgesamt schafft es Perception gut die spielerischen Schwächen durch einen größeren Fokus auf das Storytelling zu überdecken und damit ein kurzweiliges aber denkwürdiges Gesamtpaket zu liefern

Fazit

In einem Jahr mit sehr guten Horrorspielen kann Perception spielerisch nicht wirklich konkurrieren. Als überwiegend story-fokussiertes Adventure mit starkem Plot und dem erinnerungswürdigen Design kann sich der Titel dennoch als eines der besseren Grusel-Spiele im übersättigten Genre behaupten.
Positiv
  • wendungsreiche, spannende Story
  • exzellentes Voice-Acting
  • ungewöhnlicher Look
Negativ
  • relativ kurz (4-5 Stunden)
  • spielerische Elemente unterentwickelt
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