Test – Metro Exodus – Mehr S.T.A.L.K.E.R. als Metro, oder?..

Wie gut ist das neue Shooter-Erlebnis von 4A Games? Wir werfen einen Blick auf das neue Epos der Ukrainer

Und die Sterne! Kann sich ein Mensch, der nie Sterne gesehen hat, überhaupt vorstellen, was Unendlichkeit ist? Ist dieser Begriff doch vermutlich erst unter dem Eindruck des nächtlichen Himmelsgewölbes entstanden. Millionen gleißender Feuer, silberne Nägel, eingeschlagen in eine Kuppel aus blauem Samt…

Metro 2033 – Dmitry Glukhovsky

Die Kleinsten sind immer die Fiesesten

Mit diesen Worten aus dem ersten Buch des SciFi-Epos Metro hätte man nie vermutet, dass nach knapp 10 Jahren die Möglichkeit bestehen würde, die Welt der Buch- und Spielereihe selbstständig unterm freiem Himmel bei Tag und Nacht zu erkunden. Ja, wir verlassen tatsächlich die beton- und stahlummantelte Tunnel der Moskauer Metro und begeben uns ins Freie, um nach und nach die Welt da draußen im digitalen postapokalyptischen Zeitalter zu erleben.

Die verstrahlte Aussicht in Moskau mitten im Winter aus Metro Exodus

Die Tiefen der Metro hallen in dunklen Gängen hinter dem Rücken. Am Ende des Tunnels schimmert leise ein kleiner Lichtstrahl vor sich hin. Kämpfend mit den Monstern, Spinnweben und eigenen Ängsten rücken wir immer näher Richtung des Lichts und der Hoffnung auf einen Neuanfang… Nach dem Eröffnungskapitel von Metro Exodus begeben wir uns an die frische Luft und suchen nach den Überlebenden in den vom Krieg verstrahlten Gebieten außerhalb der Moskauer U-Bahn-Schächten. Unsere Aufgaben sind fordernd und abwechslungsreich. Der erste Blick auf die offene Welt von Metro Exodus ruft im Hinterkopf die nostalgischen Gefühle für die S.T.A.L.K.E.R.-Reihe und den SciFi-Klassiker «Picknick am Wegesrand» von den Strugazki Brüdern. Die Welt von der Katastrophe heimgesucht und mit Mutanten, Banditen und Anomalien besiedelt. Es fühlt sich richtig an und es fühlt sich nach dem geistigen Nachfolger von Shadow of Chernobyl an. Während der Rechteinhaber der S.T.A.L.K.E.R.-Spiele sich sehr lange im Hintergrund aufgehalten hat, hat das Entwickler-Studio und die Macher hinter den Originalen 4A Games ein Meisterwerk der Postapokalypse ans Licht gebracht. Nach den nicht weniger erfolgreichen und hochwertigen, erzählreichen Shootern Metro 2033 und Metro Last Light feilten und verbesserten sie an allen Ecken und Kanten das Erlebnis der virtuellen Welt.

Die Ladebildschirme verraten in der Kurzfassung, was in nächster Mission ansteht

Das erste, was einem direkt ins Gesicht springt, sind nicht nur die 8-beinige Bewohner der Netze, sondern auch die grandiöse Grafik des Titels. Es wurde viel an der Engine gearbeitet und erweitert. Sogar «nur» mit dem DirectX 11 auf einer Windows 7 Maschine sieht Metro Exodus bombastisch aus. Die Texturen sind scharf, die Tesselation macht ihre Arbeit hervorragend und die Liebe zum Detail besteht an jeder Ecke. DirectX 12 erweitert das Ganze mit dem eher noch stiefmütterlich behandelten Feature – Ray Tracing auf Nvidia Grafikkarten – die Lichtreflexionen, die in Echtzeit berechnet werden, allerdings nur auf den neuen RX Karten (von uns nicht getestet). Die DLSS Geschichte wäre an dieser Stelle eher zu vernachlässigen (trotz des Performance-Boosts), außer in dem Fall, dass man auf sehr unscharfe und seifenlastige Bildausgabe steht. Sonst stehen auch allen Nutzern der grünen Giraffen weiterhin die Bibliotheken zur Darstellung der naturgetreuen und physikalisch korrekten Haare zur Verfügung – HairWorks. Aber auch ohne diesen ganzen neumodischen Kram erfreut sich das Auge an den fantastischen Bildern von Metro Exodus. Nicht ganz unwichtig: es ist sogar ein Fotomodus integriert, welcher sich ohne Ladevorgänge und Übergänge via F8 ansteuern lässt. Dieser sorgt für atemberaubende Aufnahmen mit Filtern und einigen weiteren Optionen. Wer sich jetzt an dieser Stelle denkt, dass es unendlich Performance kostet, den kann ich ein bisschen beruhigen: auf meiner Windows 7 Maschine mit etwas älterer Hardware (Xeon E3-1230v3, Nvidia 970 GTX) unter DirectX 11 hatte ich zu keinem Zeitpunkt beinträchtigende Probleme. Es läuft oberhalb der 40 FPS Grenze und fühlt sich butterweich an.

Der Fotomodus lässt sich mit der F8-Taste aufrufen und toll aussehende Screenshots erstellen

Nicht nur grafisch beeindruckt der Titel auf ganzer Linie. Die Atmosphäre ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Metro-Serie seit Anbeginn: alle Interaktionen mit dem Spielecharakter, die sich durch das Drücken der Knöpfe auslösen lassen, kommen, wie die Teile davor, praktisch ohne UI aus. Alle Aktionen werden live auf dem Bildschirm angezeigt und teilen dem Spieler seine Befehle mit. Sei es die Gasmaske, die man aufsetzt, das Wegwischen des Drecks und Wassers vor den Augen oder auch das Prüfen der Munition im Gewehr und die Richtung via Kompass auf dem Arm. Alles wird dem Spieler durch den Character angezeigt und somit näher gebracht. Das Gefühl «Mitten drin, statt nur dabei» besteht wie in keinem anderen Shooter. Besonders unterstreichen die musikalischen und atmosphärischen Töne das Geschehen. Es wurde eine grandiöse Arbeit an dem Sound-Design geleistet, was man an den tollen und passenden Hall- und Echoeffekten erlebt. Wenn die Gasmaske aufgesetzt ist, hört sich alles etwas dumpfer an, so dass man sich fast real diese Maske an sich spürt. Die erschreckenden Töne der brüllenden Monster aus der Ferne, der Wind und das Geräusch der Leere in der Stadt werden hervorragend übermittelt. Es sorgt stetig für Gänsehaut.

Die Geschwindigkeit des Wochenendes oder ein schneller Wechsel des Tagesabschnitts beim Schlafen

Löblich ist auch der Verzicht dieser immer wieder auftretenden russischen Akzent-Imitation, die man gerne in Filmen und Spielen oft verwendet. Dieser Trashcharakter ist zum Glück nur in der englischen Fassung verfügbar. Die deutschen Sprecher leisten hier gute Arbeit und die Vertonung hört sich sehr gut an. Von den angespielten Varianten (englisch, deutsch, russisch) ist erstaunlicherweise die deutsche Sprachausgabe, die mir am meisten gefallen hat – obwohl die vorigen Teile ich gerne in der russischen Variante gespielt habe. Diese Akzentnachahmung bei der Vertonung macht für mich persönlich nur Sinn, wenn tatsächlich die Charaktere aus unterschiedlichen Ecken der Welt kommen und dann nicht die eigene Muttersprache untereinander sprechen, was in dem Fall von Metro nicht zutrifft.

Auf dem Radio hört man Gespräche ab und findet einige Musikstationen

In Metro Exodus hat der Spieler jede Zeit die Möglichkeit in der Welt einige Verbesserungen für das eigene Equipment zu finden. Dazu gehören die neuen Aufsätze und Erweiterungen der Waffen, bessere Ausrüstung, sowie viel an Bastelzeug fürs Crafting. Keine Angst an dieser Stelle – das Crafting fällt nicht übertrieben aus und zwingt zu keiner Zeit zu grinden oder unendlich lange nach fehlenden Teilen zu suchen – es ist nicht lästig und erweitert sinnvoll das Spiel. Unterwegs hat Artjöm die ganze Zeit einen Rucksack mit und kann ihn für geringe Modifikationen nutzen. Man kann jede Zeit den «I»-Button anklicken und fehlende Spritzen und Filter erstellen, außerdem lassen sich so die Waffenaufsätze on-the-fly anwenden. Für weitergehende Konfigurationen benötigt man eine Werkbank, die an den sicheren Plätzen (Safe Houses) auffindbar ist. Da benutzt man auch Chemikalien zum Reinigen der Waffen und bringt größere Verbesserungen an die Rüstung (unterschiedliche Modifikationen dieser) oder zum Beispiel bessere Batterien für die Lampe an. Wie ihr das gerade lesen konntet – ja, die Waffen werden mit der Zeit dreckig und verlieren ihre Zuverlässigkeit im Kampf. Sie können plötzlich dann klemmen und keine Schüsse mehr abgeben, solange man sie nicht erneut nachlädt. Damit man diese Faux Pas vermeidet, gibt es die Option an der Werkbank, die Waffen zu reinigen. Halte deine Ausrüstung sauber Stalker! Solche Sachen, wie die Munition lässt sich auch nicht einfach unterm freien Himmel unterwegs craften – also gut die Ausflüge in die verstrahlten Gebiete vorher planen. Das ganze Crafting-System besteht aus zwei Komponenten: Chemikalien und Metallschrott. Findet man immer unterwegs auf Missionen und belastet in keinster Weise – meiner Meinung nach ziemlich gelungen und löst gut das alte System in den Shops mit der Armeemunition als Währung ab.

Schaurige Aussicht auf den Kühlraum bei Kannibalen im Untergrund

Die Einsätze geben dem Spieler wie in der Metro Serie immer die Option zu Schleichen oder sich durchzuballern. Auf höheren Schwierigkeitsgraden sollte man schon ziemlich überlegen, ob man ein Schuss einfach so abgibt. Die knappe Munition und wilde Treffer bringen einen in meisten Fällen zum schnellen digitalen Tod des Spieleprotagonisten. Viele Missionen bieten auch unterschiedliche Wege zur Lösung. Als Beispiel, wenn man vor der Hauptmission einige Kultisten rettet, bekommt man einen Schlüssel für den Vorratsraum, den man in der Hauptquest am Anfang findet. In diesem befindet sich ein Nachtsichtgerät, welches das Vorangehen sicher erleichtert. Spielt man Rambo und vergisst fies die armen Bauern vorher zu retten, kämpft man gegen die Monster in der Dunkelheit mit einem dünen Lichtstrahl der Lampe. Das Nachtsichtgerät findet man dann erst gegen das Ende der Mission, falls man noch danach die Umgebung absucht. Unterwegs gibt es auch oft kleinere Rätsel zu lösen, die das Spielgeschehen abwechslungsreicher gestalten. Die Erkundung der weitläufigeren Flächen im Vergleich zu den Vorgängern machen Spaß und sind teils ziemlich gefährlich. Es gibt Monster, Banditen, vergiftete oder verstrahlte Zonen… So groß wie S.T.A.L.K.E.R. sind die Gebiete nicht, da sie trotzdem eher auf das Erzählerische ausgelegt sind – also auch da auf jeden Fall immer noch Metro-treu geblieben, die Fans sollen sich da keine Sorgen machen. Was man auch aber als Echo der Ursprünge ansehen könnte, sind die immer wieder auftretende Anomalien, schon ziemlich am Anfang begegnet man einer Elektro-Anomalie, die einen sofort zu einer asiatisch zubereiteten knusprigen Ente macht. Da muss man aufpassen und auf das leise Surren und das Geknacke des Geigerzählers Acht geben. Immer wieder gibt es die Möglichkeit in einem Safe House zu übernachten! Ja, es gibt im Spiel auch stimmungsvolle Tag- und Nachtwechsel, die sich auf die Umgebung und die KI auswirkt. Nachts sind die Banditen nicht so hellseherisch (hö-hö). Es wechselt auch öfter zwischen der offenen Welt und verschlossenen Gebieten – ein sehr gelungener Mix, um auch alte Fans der Reihe abzuholen und nicht zu verschrecken.

Mitten in der Wüste ohne Wasser und Sprit

Hier muss man noch kurz auf die nützliche Funktion der grünen Giraffen zurückkommen. Es gibt die Option Nvidia Highlights, die praktisch einem das Leben «erleichtert» und die besten Szenen automatisch als Video speichert. Dazu gehören «Glorious Kills», eigenes Vergehen und Ableben, Geschichtsabschnitte und Sammelgegenstände. Diese lassen sich beim Beenden des Spiels als Video oder Gif exportieren und direkt in die sozialen Netzwerke posten. Eventuell ist diese Information für einige Leute nützlich, um coole Momente zu speichern.

Mad Max lässt grüßen

Seid aber vorgewarnt, das Spiel existiert derzeit nur exklusiv im Epic Games Launcher, auch die im Handel erhältliche DVD-Version für PC greift exklusiv auf diesen Service zurück. Die Fans und Anhänger von Steam werden hier wohl einige Zeit warten müssen. Gerüchteweise soll Metro Exodus nach einem Jahr auch da verfügbar sein, bestätigt wurde es aber nicht so wirklich. Das soll rein informativ dienen und das Spiel ist auf jeden Fall Wert gespielt zu werden. Ob man sich mit dem anderen Launcher anfreuden möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Solche nackten Tänze mit den Wölfen bei Mondschein im Schnee bleiben den Konsolenspielern erspart. Glücklicherweise bekommen sie Metro Exodus physikalisch, die Patches müssen trotzdem aus dem Netz gezogen werden.

Idyllische Landschaft

Die Spieledauer beträgt ungefähr 20 Stunden und man begibt sich auf die Reise durch die unterschiedlichen Klimazonen und Jahreszeiten. Metro Exodus bringt viel Abwechslung mit sich, egal ob es sich um die Landschaft oder die Bunker darunter handelt. Die Wechsel zwischen den offenen und den allbekannten unterirdischen Metro typischen Gebieten erfolgt auf eine natürliche Weise und bestärkt die Reihe mit den neuen Möglichkeiten. Man darf mittlerweile sogar Fahrzeuge auf den offenen Karten nutzen. Das Moralsystem wurde etwas überarbeitet und erweitert. In dem neuen Teil darf man sich auch zur Wehr setzen.

Eindeutige Beschriftungen auf den Wänden bei Banditen

Die Eindrücke der ersten Spielstunden aus Metro Exodus findet ihr auf unserem YouTube Channel:

Die anderen Streams und Highlights seht ihr auf unserem Twitch-Kanal: https://www.twitch.tv/gamondo/videos

Eindeutig wohlverdient…
Fazit

Ein großartiges und hautnahes Abenteuererlebnis mit Artjöm durch die Geschichte, die spannend bleibt. Die Bewertung «Gold» ist mehr als verdient, es wurde viel Arbeit und Liebe in den Titel gesteckt. Die Fans des Genres, Metros und Stalkers greifen meiner Meinung nach bedenkenlos zu und erfreuen sich an den nicht durch die Strahlung leuchtenden Augen!
Positiv
  • Grafik
  • Atmosphäre
  • Abwechslung
  • Sounddesign
  • Charaktere
  • Interaktive UI / Interaktionen
  • Soundtrack
  • Geschichte
  • Vertonung
  • Erweiterte Möglichkeiten der vorigen Teile
Negativ
  • Einige Abstürze, auch nach Patches
  • Denuvo (neutrale Information)
  • Epic Games Store (neutrale Information)
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